Österreichischer Baukulturreport 2006



Kurz und Bündig: Abstracts aller Beiträge

Abstracts Heft 2

2.1 BauherrInnenverantwortung und AuftraggeberInnenqualitäten

Peter Holzer

Baukultur zu schaffen ist nicht durch ein Regelwerk definiert. Zu viele Einflüsse auf Projektentwicklung, Planung und Umsetzung, verbunden mit unzähligen menschlichen Entscheidungen machen es unmöglich, von vorherein zu sagen: „Wir machen Baukultur!“
Trotzdem entsteht immer wieder Baukultur. Dies zu analysieren und aufzuzeigen, wie man es machen könnte, ist Inhalt meines Beitrags.
An vorderster Front steht der Bauherr/die Bauherrin, der/die willens ist, sich mit Baukultur in all ihren Facetten auseinanderzusetzen. Bauen ist auch eine Angelegenheit des Herzens, der Gefühle und der Sinne. Als nächstes sollte es zu einer spannenden intellektuellen Partnerschaft zwischen BauherrIn und PlanerIn kommen. Während des Planungsprozesses, der viele Wochen/Monate läuft, sollte der/die BauherrIn mit dem/der PlanerIn intensiv zusammenarbeiten – nicht nur an der Bauaufgabe, sondern auch in anderen kulturellen Bereichen. Schlussendlich sollten beide Partner gewillt sein, die Prozesse einer sorgfältigen Planung und Abwicklung als Grundlage ihrer Zusammenarbeit zu akzeptieren und diese gemeinsam zu durchschreiten. Weiters ist zu empfehlen, den Personenkreis der Akteure zu minimieren, denn auch beim Planen und Bauen gilt die Regel: „Viele Köche verderben den Brei.“ Reduzieren Sie administrative Papierproduktion auf ein unbedingt erforderliches Minimum. Die wichtigen Dinge haben meist auf einer A4-Seite Platz!

2.2 Barrierefreies Planen und Bauen

Bernhard Hruska

Die Qualität von Baukultur ist „Design for all“, sie berücksichtigt Barrierefreiheit und den natürlichen Lebenszyklus jedes Menschen.
Die bestehenden Gesetze und der Entwurf der OIB-Richtlinie (Österreichisches Institut für Bautechnik) reichen nicht aus, um Gleichstellung und Barrierefreiheit zu gewährleisten. Für die Nutzungsqualität von Bauwerken ist die Einhaltung der ÖNORM B1600 gesetzlich zu verankern.
Mehrkosten für Barrierefreiheit von 0,15 – 1,8% der Baukosten stehen hohen nachträglichen Sanierungskosten und Folgekosten bei Stürzen von ca. EUR 3,2 Mrd. jährlich gegenüber.

20 – 25% der Bevölkerung werden vor allem in den Bereichen Kultur-, Wellness- Tourismus-, Bildungs-, Sport-, Freizeitbereich, Infrastruktur, aber auch in der Arbeitswelt und beim Wohnen behindert oder ausgeschlossen.

2.3 Professionelle AuftraggeberInnen-Funktion als Beitrag zur Verankerung von Bau- und Planungskultur

Nikolaus Thaller

BauherrInnen, die ihre Kapazitäten reduziert haben und ihre „AuftraggeberInnen- Funktion“ vor allem formal verstehen, können und sollen sich temporär unterstützen lassen, indem sie ArchitektInnen mit der Wahrnehmung der meisten BauherrInnen-Tätigkeiten betrauen.

2.4 Ethik im Vergabewesen

Wolfgang Oberndorfer

Unter Ethik werden lt. Duden „allgemeingültige Normen und Maximen der Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten“, verstanden. Im Vergabe- und Vertragswesen geht es darum, das wirtschaftliche Interesse der BauherrInnen nicht als ultima ratio für das Verhalten der BauherrInnen bei der Vergabe von Planungs- und Bauleistungen zu erklären, sondern darum, dass sich die BauherrInnen bewusst werden, dass es neben der Minimierung der Baukosten auch um die soziale und ökologische Verträglichkeit ihres Bauwerkes und ihrer Werkverträge geht. Im Vergabewesen erfüllt das Bundesvergabegesetz für BauherrInnen, die diesen unterliegen, bereits eine wertvolle Leitfunktion. Im Vertragswesen herrscht leider bei manchen BauherrInnen die Auffassung, dass die im Österreichischen Normungsinstitut im Konsens verabschiedeten Vertragsnormen einen Freibrief für unangemessene Bereicherung der BauunternehmerInnen darstellen und dementsprechend zu entschärfen sind. 10 Beispiele versuchen, das Anliegen des Autors verständlich zu machen.

2.5 Gender Mainstreaming

Sabine Pollak

Gender Mainstreaming als politische Strategie dient der Herstellung der Geschlechtergerechtigkeit. In der Disziplin der Architektur und Planung ist Gender Mainstreaming nach wie vor nicht verankert. Ein umfassendes Aufbauen von Gender-Kompetenz in allen Einheiten und Gremien, das Entwickeln von Gender- Qualitätskriterien und das Fördern von Forschung im Bereich Planung und Gender haben die Schaffung von Gender-Kompetenz in allen Bereichen sowie die Herstellung von gendergerechter Architektur zum Ziel.

2.6 Architekturconsulting und BauherrInnenberatung

Gordana Brandner und Oliver Schürer

Innerhalb von Projekten entsteht das Niveau von Baukultur im fördernden oder hemmenden Zusammenwirken von Kompetenzen. Wie sich Kompetenzen auswirken, entscheiden – neben den wirkenden Persönlichkeiten – die Projektstrukturen mit ihren Schnittstellen und Prozessen. Entgegen der klassischen Architekturexpertise richtet sich Architektur-Consulting nicht auf technisch-künstlerische Aspekte, sondern orientiert sich am Prozess der Entwicklung eines Projekts. Qualitätskriterien zur Zielerreichung werden innerhalb der Subprozesse und des Gesamtprozesses definiert und ermöglichen prozessuales Vorgehen. Zur Beratungsleistung gehören die Definition und Abstimmung der Kriterien sowie die Koordination der Subprozesse. So wird, grob umrissen, ein bestimmtes Niveau von Baukultur gezielt erreichbar.
Aus der übergeordneten Perspektive von Baukultur ergeben sich fünf zentrale Kompetenzen für gewissenhafte BauherrInnen, die synergetisch wirken und in Best-Practice-Beispielen konkret beschrieben werden: Das Bewusstmachen von BauherrInnenselbstverantwortung, eine Prozessorientierung über den gesamten Bauablauf durch umfassende Zielermittlung und -evaluierung, die Klärung und Koordination von BauherrInnenrollen und -aufgaben, das Einfordern eines hohen Maßes an Bestellerqualität und die Intensivierung der Projektvorbereitungsphase in Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus. Daraus abgeleitet wird Beratungsbedarf sichtbar gemacht, der das Erreichen dieser Qualitäten für die Masse der Bauprojekte unterstützt.

2.7 Von der Wohnbauförderung zur Baukulturförderung

Wolfgang Amann und Robert Lechner

Die Wohnbauförderung hat sich als leistungsfähiges Instrument zur Umsetzung wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und – mit Einschränkungen – auch raumordnerischer Ziele erwiesen. Mit rund 1% des BIP liegen die öffentlichen Ausgaben Österreichs für das Wohnen deutlich unter dem Durchschnitt der EU. Dies obwohl die öffentliche Hand mehr als fast überall sonst in der Wohnungsproduktion mitmischt. Acht von zehn neu errichteten Wohnungen werden von der Wohnbauförderung kofinanziert. Daraus ergeben sich umfangreiche Lenkungseffekte. Im europäischen Vergleich zeigt Österreich eine durchwegs gute Performance. Sehr gute Ergebnisse konnten in den letzten Jahren u.a. hinsichtlich einer Ökologisierung des Wohnbaus erzielt werden. Demgegenüber sind die Potenziale in baukultureller Hinsicht noch nicht ausgeschöpft.
Empfohlen werden die grundsätzliche Beibehaltung des Systems von Wohnbauförderung und Wohnungsgemeinnützigkeit und die Konzentration auf inkrementelle Verbesserungen. Eine Verlagerung von der Neubau- zur Sanierungsförderung ist dringend angezeigt. Zur Verbesserung der Gestaltungsqualität der gebauten Umgebung kann die Wohnbauförderung wesentlich beitragen. Für den Eigenheimbereich empfehlen sich die verpflichtende Beiziehung befugter PlanerInnen, Beratungsangebote sowie professionell erstellte stringente räumliche Leitbilder für alle Gemeinden. Im großvolumigen Wohnbau zeigen verpflichtende Wettbewerbe die relativ besten Ergebnisse. Anzustreben ist Vielfalt bei gleichzeitig höchster Qualität.


2.8 Strukturelle Darstellung/Erhebung der baukulturrelevanten Kompetenzen und Dienststellen

Manfred Nehrer

Um Baukultur bei allen Baumaßnahmen in Österreich zum grundsätzlichen Ziel zu erheben, ist es notwendig, dass die öffentliche Hand, insbesondere die Republik Österreich, eine Vorbildfunktion ausübt. Dieser baukulturelle Auftrag muss auch Gültigkeit haben, wenn der Bund, die Länder oder die Gemeinden ihre Bauagenden an ausgelagerte Unternehmen (BIG, ASFINAG, HLAG, Landesgesellschaften zur Immobilienbewirtschaftung, Gemeindebetriebsgesellschaften, Energieunternehmungen, Krankenanstaltengesellschaften, Bauträger usw.) übertragen. Grundsätzlich müssen alle Bauvorhaben, die direkt oder indirekt mit öffentlichen Mitteln finanziert werden oder von öffentlichen Einrichtungen gemietet werden, verbindlichen, die Baukultur sichernden Qualitätskriterien unterworfen werden.
Architekturwettbewerbe, vom international offenen Verfahren bis zum geladenen Wettbewerb, jeweils angemessen der Größe und Bedeutung der Bauaufgabe, sind eine bewährte Methode in architektonischer, funktioneller und in
wirtschaftlicher Hinsicht, das optimale Projekt zu finden. Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit, die Vergabe von öffentlichen Mitteln für alle Bereiche des Bauens inklusive der von ausgegliederten Unternehmen errichteten Bauwerke an bewährte, qualitätssichernde Maßnahmen zu binden. Auch der Grundsatz der Trennung von Planung und Ausführung ist gesetzlich abzusichern.
Nur durch ein lückenloses Eintreten für umfassende Qualität bei Bauten der öffentlichen Hand werden bei knapperen finanziellen Mitteln und zunehmenden gesetzlichen Bestimmungen, die steigenden Bedürfnisse der Bevölkerung, wie z.B. im Bereich der Bildung und des Gesundheitswesens, in einer Weise befriedigt werden können, die auch künftig als baukultureller Beitrag unserer Zeit angesehen werden wird.
Dringend notwendig ist eine radikale Vereinfachung der das Bauen betreffenden Gesetze, Verordnungen und Normen. Es ist vollkommen unverständlich, dass in Österreich neun Bauordnungen der Bundesländer und zusätzlich Baugesetze einzelner Städte Gültigkeit haben. Diese überbordende Reglementierung sollte unbedingt vereinfacht und vereinheitlicht werden. Dann könnten im Interesse sämtlicher vom Bauen Betroffenen, trotz der die Baukultur sichernden Maßnahmen wie Wettbewerbe und Gestaltungsbeiräte, die Bauverfahren wesentlich verkürzt werden.
Jedenfalls müssen alle Stilregelungen aus den Bauvorschriften gestrichen werden, da diese schlechte Architektur nicht verhindern, aber allzu oft gegenüber bemühter zeitgenössischer Architektur eingesetzt wurden.

2.9 Landesinitiativen und Serviceeinrichtungen zur Qualitätssteigerung des kommunalen Hochbaus

Robert Wagendorfer

Der kommunale Hochbau stellt gegenüber anderen Baubereichen eine Besonderheit hinsichtlich der gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, hinsichtlich der Bauobjekte selbst sowie hinsichtlich der BauherrInnenstrukturen, -qualitäten und -organisationen dar.
Die Länder beeinflussen das kommunale Baugeschehen im Rahmen ihrer behördlichen und verwaltungsrechtlichen Zuständigkeiten sowie durch Geldmittelflüsse bei verschiedenen Förderungen. Im Vordergrund stehen bei der länderspezifisch unterschiedlich geregelten Förderung kommunaler Bauvorhaben rechtliche und finanzielle Kriterien, selten nur qualitative Kriterien. Aus den
gezeigten Rahmenbedingungen, strukturellen und politischen Gegebenheiten lassen sich eine Reihe von Vorschlägen für eine Qualitätssteigerung im kommunalen Hochbau ableiten, die sich auf einige wesentliche Bereiche reduziert wie folgt darstellen:
Ein hohes Potenzial zur Qualitätssteigerung liegt im Bereich entsprechender qualitativer Förderregulative. Insbesondere zählen dazu die Erfordernisse einer strukturierten, prozess- und zielorientierten sowie ganzheitlichen Entwicklung, Planung und Abwicklung von Projekten (aller Art) in einem Milieu mit entsprechender (regulierter) Projekt-, Bau- und Vergabekultur.
Neben dem „Practising“ der angeführten Punkte zählt auch die künftig verstärkte und koordinierte Zusammenarbeit von Verwaltung, Interessenvertretungen und Studieneinrichtungen, das bessere Zusammenspiel von Forschung, Planung und Praxis zu den Möglichkeiten einer Qualitätssteigerung im kommunalen Hochbau.

2.10 Qualitätssicherung durch die Etablierung gut ausgestatteter, unabhängiger und fachlich versierter Gestaltungsbeiräte

Paul Raspotnig

Ausgehend von der Gründung des Gestaltungsbeirates der Stadt Salzburg wurden in Österreich seit Mitte der 1980er Jahre rund 50 derartige Gremien eingesetzt. Wesentliches Merkmal externer Beiräte ist ihre Unabhängigkeit von Politik und Verwaltung sowie die Unbefangenheit ihrer Mitglieder in Bezug auf wirtschaftliche Interessen. Hauptfunktion ist die Beratung von BürgermeisterInnen als erste Bauinstanz, Bau- und Planungsausschüssen, aber auch von BauherrInnen und PlanerInnen durch (zumeist) auswärtige ArchitekturexpertInnen. Rechtliche Verankerung und klare Zuständigkeiten (Statuten, Richtlinien, Zielgebiete, Projektgrößen etc.) dienen der Verbindlichkeit der Beiratsempfehlungen. Über das Baubewilligungswesen hinaus kann sich der Bogen der Beratungstätigkeit von Aufgaben der Stadtentwicklung und Bebauungsplanung über das Wettbewerbswesen bis hin zur Bauausführungskontrolle spannen. In jenen Gemeinden, die durch Gremialbeurteilung fundierte Entscheidungen treffen, ist eine weniger konfliktreiche Diskussion und eine Versachlichung der (Tages-) Politik im Planungsgeschehen zu beobachten. Größere Akzeptanz erfährt ein Gestaltungsbeirat überall dort, wo seine Tätigkeit nicht als Zensur- oder Exekutivgewalt aufgefasst wird, sondern als Dienstleistung und Hilfestellung. Baukulturförderung bedeutet auch die Verpflichtung einer Beratung durch externe Sachverständigen-Gremien bei politischen Entscheidungen über raumordnerisch, städtebaulich und architektonisch bedeutende Planungsvorhaben.

2.11 Vorschläge zu einer nationalen, ressortübergreifenden Koordination zur Wahrung und Verankerung einer gesamtheitlichen Planungs- und Baukultur

Dietmar Steiner

Baukultur ist ein schwieriger Begriff. Die Mehrheit versteht darunter eine unversehrte Landschaft mit harmonischen Dörfern, die nur mit restriktiven Gestaltungsvorschriften und Bebauungsbeschränkungen durchsetzbar wäre. Demgegenüber steht der Häuselbauer-Individualismus ebenso wie die engagierte Architektur des solitären Einzelobjekts. Zwischen diesen Extremen gilt es zu vermitteln.

Die Ebenen der Handlungsfähigkeit:
1 Der Staat
  • Grundsätzliche Reform der Raumordnung
  • Symbolische Vorbildwirkung durch Deklarationen und Initiativen
  • Installierung einer die Politik beratenden Institution mit unabhängigem Forschungspotenzial
2 Die Länder
  • Wohnbauförderung an baukulturelle Kriterien und Begutachtungen binden
  • Landeszuschüsse für kommunale Bauaufgaben an Qualitätskriterien binden
  • Transparenz und Effizienz von Beratungen für Kommunen entwickeln

3 Die Städte
  • Flächendeckend Gestaltungsbeiräte als Beratungskompetenz installieren
  • Ortsbildschutz und Denkmalpflege mit Gestaltungsbeiräten fusionieren

4 Die Gemeinden
  • Berufungs- und Begutachtungsinstanz auf Landesebene für baukulturelle Entscheidungen auf Gemeindeebene schaffen
  • Qualifizierte Beratung der BürgermeisterInnen garantieren

Immer noch, und der touristische Erfolg beweist dies tagtäglich, ist Österreich ein schönes Land. Ein Land oder eine Region ist aber in der landläufig medialen und touristischen Meinung nur aus zwei Gründen „schön“: wenn es wirtschaftlich rückständig ist, von Modernisierungsprozessen unberührt blieb und damit von Zeiten erzählt, an die sich heutige Menschen mit romantischer Sentimentalität erinnern wollen, oder wenn das Environment zu einem Event-Space der künstlichen Identität mutiert ist.

Zwischen den ästhetisch anregenden Armutsgebieten und den inszenierten Welten liegt die alltägliche Realität und damit das Spielfeld der Wirkungsmöglichkeiten von Baukultur. Ein stetiges Pendeln zwischen dem Wildwuchs von Peripherien und Speckgürteln mit den individuellen Inseln baukünstlerischer Kreativität und dem Schutz und der Rekonstruktion des historischen Erbes in den Zentren.

Dieser ständige Diskurs wird niemals ein befriedigendes Ende zeitigen, sondern immer ein Feld der Konflikte bleiben. Aber erste Schritte der Verbesserung können gesetzt werden. Wohin dieser Weg führt, wird aber offen bleiben.




Abstracts Heft 3

3.1 Architekturpolitik und Baukultur in Österreich:

Historische Entwicklung - Stand der Dinge

Otto Kapfinger und Arno Ritter

In Österreich gibt es keine deklarierte Architekturpolitik, die auf Basis von politischen Programmen, finanziellen Förderungen oder gesetzlichen Rahmenbedingungen als offensive und nachhaltige Strategie zu beschreiben ist. Die österreichische Architekturlandschaft zeichnet sich viel eher durch eine Tradition von regional unterschiedlich bzw. individuell geknüpften Netzwerken aus, die meist von wenigen Personen aus verschiedenen sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und teilweise auch politischen Sphären getragen werden und sich der Architekturqualität und Baukultur widmen. Aus der Distanz erkennt man, dass gestalterisch innovative Zeiten vor allem dann möglich waren, wenn sowohl eine kultur- und qualitätsbewusste Gesellschaftsschicht das kreative Potenzial der jeweiligen Zeit gefordert und unterstützt hat, als auch baukulturell interessierte Personen in politischen Funktionen bzw. in Verwaltungspositionen oder Personen mit ökonomischem Hintergrund zeitgemäße Gestaltung bzw. avanciertes Bauen gefördert haben. Es zeigt sich, dass vielfach biografische Zufälle und/oder widerständige Momente von einzelnen Personen oder Gruppen Auslöser für eine baukulturelle Bewegung bzw. Veränderung waren und sind. In dem Beitrag werden anhand von Beispielen mit verschiedenen systemischen Hintergründen exemplarisch Einblicke in die Entstehungsbedingungen von baukultureller Praxis und architektonischer Qualität gegeben.

3.2 Architekturpolitik in Europa

Robert Temel

Europäische Staaten setzen sich mit Architekturpolitik das Ziel, die Bedingungen für die Produktion und Nutzung der gestalteten Umwelt und somit die Lebensbedingungen für ihre BürgerInnen zu verbessern. Und sie tun das nicht nur mit Wirtschafts- und Kulturpolitik – sie integrieren etwa Architektur- mit Sozial- und Umweltpolitik oder nützen die staatlichen Bildungssysteme für diese Zwecke. Die europäischen Länder mit den erfolgreichsten Architekturpolitiken sind die Niederlande, Finnland, Schweden, Frankreich, Schottland und England, in Deutschland ist mit der geplanten Bundesstiftung Baukultur ein Anfang gemacht.
Instrumente der Architekturpolitiken sind deklarative Formulierungen oder dezidierte Architekturgesetze und die Integration architekturspezifischer Regelungen in Fachgesetze. Zentral für den Erfolg ist, dass Architektur nicht als Elitethema positioniert wird, sondern das Programm auf breites Verständnis zielt und das Thema mit wirtschaftlicher Prosperität, Lebensqualität, Innovation, BürgerInnenbeteiligung und Demokratieorientierung verknüpft wird. Ebenso zentral ist die Festlegung von konkreten geplanten Maßnahmen mit jeweils Verantwortlichen und mit Zeitplänen für die Umsetzung. Ein wichtiger Schritt ist weiters die Implementierung direkt auf der lokalen Ebene, wobei diese lokalen Instanzen gut vernetzt sein müssen. Zu dieser Ebene müssen auch die für jede erfolgreiche Architekturpolitik zentralen Vermittlungsinstrumente zählen. Schließlich sollte die Förderung der Innovation Teil jeder Architekturpolitik sein.

3.3 Architekturförderung der öffentlichen Hand

Max Rieder

Die bisherige Architekturförderung der öffentlichen Hand – Bund und Länder, Kommunen – wird den vielfältigen Schnittstellen, Querbezügen, Impulsen, Leistungen und Wertschöpfungen der baukulturschaffenden ArchitektInnen derzeit nicht gerecht.
Baukultur wird durch die ArchitektInnen selbst finanziert. ArchitektInnen investieren als einzige Berufsgruppe permanent in eine öffentliche, transparent nachvollziehbare Vergabekultur in Form eines aufwandsintensiven Wettbewerbswesens, um einen Mehrwert neben dem bloßen Gebrauchs- und Funktionswert eines Bauwerkes/eines Stadtquartiers für Öffentlichkeit, AnrainerInnen und zukünftige NutzerInnen/AuftraggeberIn zu lukrieren. Ein 1:1-Rückfluss bzw. eine äquivalente Förderung der Architektenwettbewerbskultur ist mit je einem „Baukultur-Zehntelpromille des BIP“ von Bund/Länder/Kommunen = 3 x EUR 24,4 Mio.* (EUR 73,2 Mi0.)* zu dotieren und soll in einem Baukulturfonds veranlagt und jährlich für die baukulturellen Qualitätssicherungen eingesetzt werden.

*Anmerkung: Die Summe von EUR 73,23 Mio. entspricht den jährlichen Aufwendungen der ArchitektInnen für die Wettbewerbskultur in Österreich. Nur etwa 60% der innerösterreichischen hochbaulichen Produktion werden von ArchitektInnen geplant. Nur etwa 25% des Wohnbaufördervolumens werden durch Architekturverfahren qualifiziert.

Die österreichischen ArchitektInnen müssen in Zukunft in allen bauwirtschaftlich sichtbaren, gestaltprägenden Belangen (Hochbau/Infrastrukturbauten und deren Elemente), die mit öffentlichen Geldern bzw. bei Co-Finanzierungen mit öffentlichen Zuschüssen/Förderungen realisiert werden, als die dafür staatlich Qualifizierten und Ausgebildeten eingesetzt werden –„Gestaltungsbindungen“ (vgl. dazu die Notar-, Rechtsanwalt- oder Ärztebindungen).

3.4 Architektur/Baukultur und Umweltgestaltung für junge Menschen

Barbara Feller

Sehen lernen. Sprechen können. Mitentscheiden.
Wenn es darum geht, die Qualität der gestalteten Umwelt zu verbessern, ist die Vermittlung entsprechender Fähigkeiten an junge Menschen eine bedeutende Aufgabe. Verbunden mit der Hoffnung, dass eine entsprechende Schulung die Menschen sehfähig, sprachfähig und damit entscheidungsfähig macht und zu einer mündigen Teilhabe an der Gesellschaft befähigt. Ziel ist dabei nicht die Vermittlung einer normierten Ästhetik, sondern Mündigkeit zur Vielfalt, BürgerInnen, die mehr von Häusern und Plätzen fordern als die reine Zweckerfüllung. Dass dies nicht nur eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist, sondern auch ökonomisch Bedeutung hat, belegt die Tatsache, dass das meiste „Lebensgeld“ (also die im Laufe eines Lebens erwirtschaftete Geldmenge) für Wohnen und Bauen ausgegeben wird.

In den letzten Jahren haben unterschiedliche Institutionen und Personen sehr interessante Initiativen im Bereich Architekturvermittlung für junge Menschen entwickelt und ausgebaut, sowohl außerhalb der Schule – zumeist in den Architekturhäusern – als auch in der Schule bzw. im unmittelbaren Schulkontext und (leider noch sehr vereinzelt) in Kindergärten.
Um die von diesen Engagierten entwickelten Modelle einem breiteren Kreis zugänglich zu machen, bedarf es von allen Beteiligten eines größeren inhaltlichen und finanziellen Engagements. Insbesondere im für Schulen zuständigen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, in den Stadt- und Landesschulräten, in der LehrerInnenaus- und -fortbildung gilt es, diese Themen zu platzieren. Aber auch bei den ArchitektInnen muss das „Sprechen über Architektur“ und das Vermitteln der eigenen Arbeit einen höheren Stellenwert bekommen. Langfristiges Ziel muss es sein, dass jede/r zumindest einmal in der Ausbildung mit Architektur und Umweltgestaltung in Berührung kommt. Anzustreben ist eine mehrmalige – jeweils altersadäquate – Auseinandersetzung. Ein Weg für eine bessere Zukunft könnte eine „Akademie für Architekturvermittlung“ sein,wo alles fachspezifische Wissen gebündelt und der Öffentlichkeit zugänglich ist.

3.5 Architekturvermittlung zur Stärkung eines breiten Bewusstseins für baukulturelle Qualitäten

Franziska Leeb

Architekturvermittlung findet an Schnittstellen zwischen allen an der Planung und Produktion von Architektur Beteiligten und der Öffentlichkeit in unterschiedlichen Formen statt und hat den Ausgleich von Interessen und Ansichten zwischen allen AkteurInnen des Baugeschehens und den verschiedenen NutzerInnengruppen zum Ziel.
Österreich verfügt heute über ein dichtes Netz an Institutionen und Initiativen, die sich der Vermittlung von Architektur und Baukultur widmen. Sie leisten wesentliche Beiträge zur Förderung und Stärkung eines breiten Bewusstseins für baukulturelle Qualitäten und sind unabhängige Informationsbörsen für alle BauherrInnen und alle am gestalteten Lebensraum interessierten Personen. Es gibt für alle Architekturinitiativen mehr zu tun, als sie mit ihren aktuellen Ressourcen zu leisten im Stande sind. Die Architekturhäuser laufen Gefahr, Aufgaben übertragen zu bekommen, die von öffentlichen Einrichtungen nicht
mehr geleistet werden können oder wollen, sie selbst aber in den aktuellen Verhältnissen nur unter Ausbeutung von MitarbeiterInnen und ehrenamtlichen Kräften erbringen können.
Die Architekturvermittlung in Österreich leistet im internationalen Vergleich viel, ist aber aufgrund der schlechten Dotierung am Limit ihrer Möglichkeiten. Die weitere Professionalisierung der Architekturzentren und -initiativen kann nur sichergestellt werden, wenn die öffentlichen Förderungen an die mit den Jahren gewachsene Leistung der Architekturinstitutionen angepasst werden.

3.6 Strategien zum architekturpolitischen Dialog:

Die dritte Säule der Architekturvermittlung und das Modell einer Plattform Architektur am Beispiel Steiermark

Harald Saiko

Seit der Gründung des Hauses der Architektur 1988 in Graz gibt es diese Art der Servicestelle für Baukultur mittlerweile in jedem Bundesland. Sie widmet sich der Architekturvermittlung an die Öffentlichkeit, der Beratung von Gebietskörperschaften, der Ausstellung von Architekturwettbewerben, der Organisation von Architekturpreisen und Exkursionen. Zusätzlich bildet etwa in der Steiermark eine „Plattform Architektur“ aus wesentlichen Architekturinstitutionen eine überparteiliche Stimme zur Baukultur (www.gat.st). Da Mitglieder dieser Plattform wie Berufsvertretung oder Hochschulen sich ebenso wie die öffentliche Verwaltung auf Kernbereiche und gesetzliche Aufträge konzentrieren müssen, steigt die Bedeutung der Häuser der Architektur als dritte Säule zur Sicherung der Baukultur.
Diese einzigartige österreichische Infrastruktur stellt eine Chance für die öffentliche Hand dar und sollte von Bund, Ländern und Gemeinden zur Sicherung der Baukultur genutzt und beauftragt werden.

3.7 Kommunikation von PlanerInnen

Riklef Rambow

Kommunikationsfähigkeit und -bereitschaft sind wesentliche Voraussetzungen für eine lebendige Baukultur. Jede/r einzelne ArchitektIn sollte über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um Architektur gegenüber Entscheidenden und der Öffentlichkeit transparent zu vermitteln.
In der derzeitigen Architekturausbildung wird dies allerdings meist nur unzureichend berücksichtigt. Erforderlich ist eine konzentrierte Forschungsanstrengung, die vorhandene didaktische Ansätze zur Integration von Entwurf und Kommunikation an den Hochschulen sammelt, analysiert und evaluiert und darauf aufbauend neue Strategien entwickelt.

Abstracts Heft 4

4.1 Ökologische Nachhaltigkeit

Renate Hammer und Peter Holzer

Kaum ein Erzeugnis aktueller Produktion weist eine höhere Lebenserwartung auf als das Gebäude mit über 80 Jahren. Bauen hat daher langfristige und vielschichtige Auswirkungen auf das Gesamtsystem und ist von hoher Relevanz im Sinne der Nachhaltigkeit. Aktuelle Modelle zur Implementierung von Nachhaltigkeit empfehlen das komplexe System Mensch-Umwelt unter zumindest drei Aspekten zu betrachten: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Das gilt speziell für das Handlungsfeld der Baukultur mit seiner unmittelbaren Bedeutung sowohl für das Einzelindividuum als auch für die Gesamtgesellschaft.
Untersuchungen weisen nach, dass für die strategisch relevantesten Phasen der Grundsatzentscheidung und der Projektplanung beim Bauen nur ein geringer Zeit- und Finanzaufwand vorgesehen ist, obwohl der ökologische, soziale und auch der ökonomische Erfolg des Projektes von der Qualität der Arbeit in diesen Phasen abhängt.Die negativen Auswirkungen dieses Mankos an Planung durch wirtschaftliche „Pseudooptimierung“ tragen nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sie sind von gesamtgesellschaftlichem Belang.
Bedingt durch den Klimawandel – um 2100 sind Sommer mit mehr als 40 aufeinander folgenden Tagen mit einer Maximaltemperatur
30°C als Normalfall anzunehmen – und die Verknappung fossiler Energiequellen werden sich die Möglichkeiten der Energiebereitstellung ändern. Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist ein dezentraler, regional optimierter Energiemix mit minimierten Übertragungsverlusten anzustreben, basierend auf land- und forstwirtschaftlicher Produktion und Nebenproduktion, Wind-, Solar- und geothermischer Energie, Prozessabwärme, thermischer Verwertung, Wasserkraft in reduziertem Umfang und neuen Technologien. Wenn auf dieser Basis energetische Versorgungssicherheit erreicht werden soll, gilt als Grundsatz für das Gebaute:
Der Mensch mit seinen physiologischen und sozialen Bedürfnissen sowie seinen kulturellen und ästhetischen Fähigkeiten ist die zentrale, formgebende Größe nachhaltiger Architektur. Darüber hinaus bestimmen die konkreten Bedingungen eines Ortes, sein spezifisches Angebot an Material- und Energieressourcen, speziell an natürlichem Licht, die Gestalt der zu entwerfenden baulichen Struktur. Unter Bedachtnahme auf diese Rahmenbedingungen ist erst der Verbrauch an Energie drastisch zu reduzieren und dann der verbleibende Restenergiebedarf mit effizienter Haustechnik auf Basis erneuerbarer Energieträger zu decken.

4.2 Soziale Aspekte der Nachhaltigkeit

Jens Dangschat

Die „Säule des Sozialen“ ist innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte die schwächste und unklarste. Liegen deren Schwerpunkte in der Chancengleichheit und Gerechtigkeit, so besteht die zentrale Verbindung zur Baukultur in der Siedlungsweise, d.h. in einer möglichst nachhaltigen Organisation der Gesellschaft im Raum. Dagegen sprechen jedoch die fixierten Siedlungsstrukturen, die Anreizsysteme, die in die falsche Richtung gehen, die ökonomischen Interessen und die modernen Lebensstile, die wenig umweltschonend sind.


4.3 Ökonomische Nachhaltigkeit

Winfried Kallinger

Das Thema „Baukultur“ ist vielschichtig. Es beinhaltet städtebauliche, architektonische, ökonomische und ökologische Aspekte ebenso wie soziale Gesichtspunkte. Tatsache ist, dass das Bauen wohl eine der wichtigsten, wenn nicht überhaupt die wichtigste Lebensäußerung einer Gesellschaft ist. Am Bauen misst sich der Zustand einer Gesellschaft, ihre Haltung gegenüber ihren Mitgliedern, gegenüber ihrem Lebensraum und ihrer Zukunft. Eine Gesellschaft, in der die EntscheidungsträgerInnen sich nicht bewusst sind oder nicht bewusst sein wollen, dass Projektentscheidungen weitreichende Bedeutung auf die Lebensordnung des Gemeinwesens haben, wird sich über kurz oder lang in ihrer Festigkeit schwächen – mit schwerwiegenden Folgen. Insofern ist der Baukulturreport ein wichtiges Instrument, diese Verantwortung nachhaltig ins Bewusstsein zu rücken.

4.4 Qualitätvolle Landschaftsarchitektur

Lili Licka

Der Freiraum, der den öffentlichen Raum, den Großteil des Erschließungsraumes, die Verkehrswege und den Naturraum enthält,ist ein Stiefkind der österreichischen Planungskultur. Die Gestaltung der Freiräume bedarf einer markanten Aufwertung in mehrfachem Sinne. Landschaftliche Festlegungen sind essenzielle Grundlagen für Stadtplanung und Städtebau. Österreich bedarf der Pflege und Erhaltung historischer Anlagen der Gartenkunst und Freiraumgestaltung, es bedarf aber auch dringend Dokumente aktueller Landschaftsarchitektur.

4.5 Der Ingenieur als Konstrukteur

Christian Aste

Die Katastrophe des Umsonst wird durch Konstrukteure verhindert. Der konstruktive Ingenieur versucht, unsere baulichen Utopien zu verwirklichen: vorausdenkend, vorausgehend, koordinierend, optimierend, Ängste und Hindernisse abbauend, oftmals auch bei den eigenen Kollegen. Dies scheint ein Beruf zu sein, der einen speziellen Charakter und besondere Fähigkeiten erfordert. Und so sollte im Bildungswesen unserer Schulen und Universitäten dafür auch gezielt entsprechend Platz geschaffen werden.

4.6 Politische Aspekte der Siedlungsentwicklung

Reinhard Seiß

Sei es aus raumplanerischer oder verkehrswissenschaftlicher Sicht, sei es aus ökologischer oder volkswirtschaftlicher Sicht – die Siedlungsentwicklung in Österreich verlief in den vergangenen Jahrzehnten alles andere als nachhaltig und effizient. Um hier eine überfällige Trendwende einzuleiten, bedarf es konkreten politischen Handelns. Denn viele Probleme wie Zersiedelung, Suburbanisierung, Verkehrsbelastung sowie die Krise der Kernstädte und des ländlichen Raums werden durch bestehende Strukturen, Gesetze, Steuern und Förderungen verursacht oder zumindest verschärft.
Das Unvermögen der für Raumordnung zuständigen Länder und Gemeinden, diese Fehlentwicklungen allein zu korrigieren, macht ein umfassendes siedlungspolitisches Engagement des Bundes notwendig – wofür es ein Bundesraumordnungsgesetz sowie ein periodisch zu überarbeitendes Bundesraumordnungsprogramm bräuchte. Dies ermöglichte es, übergeordnete Ziele der räumlichen Entwicklung vorzugeben – und die Länder zu verpflichten, ihre Planungsinstrumente konsequent anzuwenden.
Für eine zukunftstaugliche Gestaltung der Siedlungsentwicklung wäre es wichtig, in der Verkehrs- und Infrastrukturpolitik volkswirtschaftliche Kostenwahrheit herzustellen, eine aktive Bodenpolitik zu verfolgen – und raumwirksame Instrumente wie Wohnbauförderung, Pendlerpauschale, Kommunalsteuer und Finanzausgleich grundlegend zu reformieren. Verbindlichere strategische Planungen, regionale Planungskooperationen sowie mehr Transparenz und Kontrolle in der Planungspolitik würden die Qualität der heimischen Raumordnung deutlich heben.

4.7 Rechtliche Aspekte der Siedlungsentwicklung

Arthur Kanonier

Wesentlich für eine verbesserte Steuerung der Siedlungsentwicklung ist eine verstärkte Abstimmung aller raumrelevanten Planungsmaßnahmen. Die Koordination und Kooperation zwischen den verschiedenen Planungsebenen (Bund, Land, Regionen, Gemeinden) soll ebenso verstärkt werden wie innerhalb der einzelnen Bundesministerien bzw. Fachabteilungen der Länder. In diesem Zusammenhang ist auch die kompetenzrechtliche Aufgabenzuweisung, die sektorbezogene Betrachtungsweisen fördert, zu hinterfragen.
Die zunehmenden fachübergreifenden Problemstellungen erfordern neben der Zusammenarbeit aller Planungsebenen interdisziplinäre Lösungsansätze, an denen alle betroffenen Fachabteilungen mitwirken. Insbesondere soll eine verstärkte Kooperation zwischen den Fachabteilungen in den Bereichen der Infrastrukturplanung, der aktiven Bodenpolitik, bei der Steuerung von Einkaufszentren, im Umgang mit Naturgefahren und bei umfassenden Nutzungskonzepten für das Freiland erfolgen.

Abstracts Heft 5

5.1 Volkswirtschaftliche Bedeutung der baukulturellen Qualifizierung

Magarete Czerny mit Michael Weingärtler

Die österreichische Bauwirtschaft nimmt eine zentrale Stellung innerhalb der Gesamtwirtschaft ein. Neben dem wesentlichen Beitrag zur Vermögensbildungist sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Rund 70% des gesamten österreichischen Anlagevermögens entfällt auf Bauten. Mit rund EUR 30 Mrd. jährlicher Bauinvestitionen (nominell) des öffentlichen und privaten Sektors erreicht der Bausektor einen Anteil an der Gesamtwirtschaft von 11,7% (2006). An der gesamten Wertschöpfung trägt die Bauwirtschaft mit rund EUR 17 Mrd. knapp 7% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die gesamten Architektur- und Ingenieurbüroleistungen betragen in Österreich EUR 2,1 Mrd. (2005, lt.VGR) das sind rund 7,3% der gesamten Bauinvestitionen. 8,2% aller selbstständig und unselbstständig Erwerbstätigen sind direkt im Bauwesen beschäftigt.Unter Einbeziehung der Beschäftigten in Architektur- und Ingenieurbüros erhöht sich der Beschäftigtenanteil auf knapp 9%.Werden alle vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche, die unmittelbar von der Bauwirtschaft abhängen berücksichtigt, so zählt die Bauwirtschaft zu einem der bedeutendsten Arbeitgeber in der gesamten Volkswirtschaft.


Die gesamtwirtschaftliche Funktion des Planungssektors sowie sein kulturpolitischer Auftrag für Österreich sollten verstärkt in der öffentlichen Bewusstseinsbildung verankert werden. Folgende Maßnahmen sollen zur Ankurbelung des Wirtschaftsfaktors Baukultur beitragen:


1 Initiative zur Bewusstseinsbildung:
   Baukultur – als Qualitätsgarant in Österreich

2  Exportoffensive für die österreichische Baukultur:

  • Zentrale Förderstelle
  • Qualitätssiegel:„BauArt-Austria“
  • Bau- und Planungsexport als Teil der Außenhandelspolitik

3  Forcierte Nutzung von Bauinnovationen

4  Öffentlicher Hochbau mit Vorbildwirkung

5  Forcierung von offenen Ausschreibungen

6  Verpflichtung zur Projektumsetzung bei Wettbewerben

7  Förderung von innovativen jungen ArchitektInnen

8  Kooperation von Unternehmen und universitärer Forschung fördern

9  Lebenszykluskosten als Planungsbestandteil betrachten

10 Stärkung der Zusammenarbeit von PlanerInnen, Bauausführung und GebäudenutzerInnen


5.2 Kreativwirtschaft und Dienstleistungsexport

Veronika Ratzenböck und Andrea Lehner

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Stellenwert der Architekturbranche innerhalb der Kreativwirtschaft. Anhand der Länderbeispiele Österreich, Großbritannien und Deutschland zeigt der Überblick, dass der Sektor Architektur – wirtschaftsstatistisch gesehen – zwar als wesentlicher Kernbereich der Kreativwirtschaft gilt, in den entsprechenden Förderprogrammen und -strategien jedoch (noch) kaum Berücksichtigung findet.
Bis auf einzelne Beispiele, wie etwa im Bereich der Exportförderung, fehlen bislang generell branchenspezifische Unterstützungsmaßnahmen,die den Rahmenbedingungen und Strukturen des Kreativwirtschaftssektors „Architektur“ angepasst sind und somit auch den Bedürfnissen der maßgeblichen Zielgruppe, nämlich der Klein- und Kleinstunternehmen, die – nicht nur in Österreich – mit einer zunehmend prekärer werdenden Wirtschafts- und Arbeitssituation konfrontiert sind, entsprechen.

5.3 Tourismus und Baukultur

Roland Gruber und Bibiane Hromas

Mit knapp 9% Anteil am BIP nimmt der Tourismus einen bedeutenden Stellenwert in der Wirtschaft ein. Gleichzeitig hält Österreich seit langem eine internationale Spitzenposition als Tourismusdestination. Neben Bauten für unterschiedliche Unterkunftsarten und touristische Einrichtungen ist das Image eines Ortes, einer Stadt oder Region ein wichtiger Tourismusfaktor. Der Trend geht generell zu kürzeren Aufenthalten und zu verfeinerten Kulturtechniken als Urlaubsmotivation. Events gewinnen an Bedeutung. Diese zunehmende Nischenspezialisierung bietet für die österreichische Baukultur eine Chance, da ungewöhnliche Atmosphären gefordert werden. Der Tourismus verkauft heutzutage keine Zimmer, sondern Wohlfühlen und das Besondere.
In ExpertInneninterviews wurde die Beziehung von TouristikerInnen zur Baukultur und zu den ArchitektInnen beleuchtet. Es wurde festgestellt, dass in den letzten drei Jahren Bewegung in die touristische Baukultur gekommen ist. Ergebnis sind einige bemerkenswerte Bauten mit hoher gestalterischer Qualität. Die Architektur wird für die Positionierung am Markt immer wichtiger. Es wird vor allem im Hotelbau ein regelrechter Boom – ähnlich den österreichischen Winzerbauten – prognostiziert.

Um die Baukultur im Tourismus längerfristig zu stärken, werden Förderanreize für Gestaltungsqualität bei der österreichischen Tourismusbank (ÖHT) vorgeschlagen. Die Wahrnehmung der BauherrInnenverantwortung soll durch Aufnahme von Gestaltungs- und Baufächern in die Tourismusausbildung forciert werden. TourismusberaterInnen sind in Zukunft PartnerInnen für aktive baukulturelle Bewusstseinsbildung. Zusätzlich zum Staatspreis für Architektur und Tourismus sind weitere Auszeichnungen z.B. auf Landesebene zu initiieren. Vor allem gilt es jedoch, den Mangel an Gesprächskultur und zahlreiche Vorurteile zwischen ArchitektInnen und TouristikerInnen zu beheben.

5.4 Imageträger Baukultur

Ute Woltron

Das leider immer noch weit verbreitete Missverständnis, Architektur sei lediglich eine hübsche und luxuriöse Spielerei mit Formen und Materialien, lässt sich anhand der Architektur von und für Unternehmen besonders leicht widerlegen. Gut geplante und sorgfältig ausgeführte Architektur kann definitiv auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine positive Rolle spielen, sie kann das Geschäftsergebnis messbar beeinflussen und stellt somit eine sinnvolle Investition für ein Unternehmen dar.

Das ergab eine detaillierte Umfrage unter elf heimischen UnternehmerInnen, die in jüngerer Vergangenheit mit ArchitektInnen zumindest ein engagiertes Projekt für das eigene Unternehmen abgewickelt haben. Die ausgewählten Unternehmen stellten einen repräsentativen Querschnitt der österreichischen Wirtschaft dar.

Die wichtigsten Positivfaktoren guter Unternehmensarchitektur sind:

  • Architektur als deutlicher Imageträger und verwertbarer CI-Faktor
  • Produktivitäts- und Effizienzsteigerung durch optimierte interne Arbeitsabläufe
  • erhöhte MitarbeiterInnenzufriedenheit/besseres Arbeitsklima


Eine Erkenntnis der Analyse besteht allerdings auch darin, dass alle befragten AuftraggeberInnen bereits eine gewisse Affinität und Informiertheit über Architektur und Baukultur mitbrachten und somit ideale PartnerInnen für ihre PlanerInnenteams darstellten. Um die Baukultur der heimischen Unternehmerschaft zu verbessern, wäre also angeraten, die EntscheidungsträgerInnen in verständlicher Form über die Positivfaktoren zu informieren, die Architektur für Unternehmen leisten kann.


5.5 Gesetzliche Baunormen als Rahmen für baukulturelle Aktivitäten – Möglichkeiten zur Flexibilisierung und Einsparungspotenziale

Rainer Mikulits

Bautechnische Vorschriften und die in diesen verwiesenen technischen Regelwerke sind das Korsett, in dem baukulturelle Aktivitäten stattfinden. PlanerInnen und ArchitektInnen benötigen für kreative Entfaltung jedoch flexible Bauvorschriften, die den notwendigen Freiraum lassen.
Traditionelle Bauvorschriften haben die Standard-Bauaufgaben im Fokus, sind bauteilorientiert, und je älter sie sind, umso mehr sind sie durchzogen mit Elementen der Anlassgesetzgebung. Moderne Bauvorschriften zäumen das Pferd von der anderen Seite auf: Sie definieren Schutzziele, die eingehalten werden müssen, und Leistungsanforderungen sowie Funktionen, die von Bauwerken oder Bauteilen erfüllt werden müssen. Dies lässt den PlanerInnen und ArchitektInnen die Freiheit, den Weg zur Zielerfüllung zu wählen. Die derzeitige Initiative der Bundesländer, die bautechnischen Vorschriften zu harmonisieren, folgt diesem modernen Konzept. Noch sind sich jedoch nicht alle Bundesländer einig, und eine Ländervereinbarung zur Harmonisierung der bautechnischen Vorschriften ist nicht in Kraft. Dazu wäre nur noch die Befassung der Landtage in Niederösterreich und in Salzburg erforderlich. Aus einer Vereinheitlichung der derzeit neun unterschiedlichen bautechnischen Bestimmungen in Österreich würden sich überdies große Einsparungspotenziale ergeben. Gleichzeitig würde damit die österreichweite Mobilität von Planungs- und Ausführungsdienstleistungen erhöht.

5.6 Steuerliche Verbesserung für PlanerInnen und Architekturschaffende

Gerhard Nidetzky mit Karin Fuhrmann und Renate Putz

Der Handlungs- und Änderungsbedarf hinsichtlich der steuerlichen Behandlung von Immobilieninvestments betrifft Regelungen des Ertrags- und des Umsatzsteuergesetzes ebenso wie das Erbschaftsteuerrecht.
Die Maßnahmen schaffen durch Verminderung des steuerpflichtigen Einkommens von Investoren, wie etwa durch Erweiterung des Anwendungsbereiches der beschleunigten Abschreibung oder der Möglichkeit, einen Überschuss bis zu 10 Jahre zurückzustellen, einen Anreiz zur Vermögensveranlagung in Immobilien. Weitere Maßnahmen dienen der Harmonisierung des Steuer- mit dem Mietrechtsgesetz und der Erleichterung der Verwaltung von Immobilien.

Im Bereich der Erbschaftsteuer soll durch die Senkung und Fixierung des Steuersatzes auf 3,5% bzw. 2% eine Anpassung an die Grunderwerbssteuer erreicht und dadurch mehr Gerechtigkeit und Verwaltungsvereinfachung im Steuersystem geschaffen werden.

Abstracts Heft 6

6.1 Erwerbstätigkeit in der Architektur – ein hartes Pflaster

Hubert Eichmann und Sybille Reidl

Der Beitrag liefert einen Überblick über Umsatz-, Beschäftigungs-, Einkommens- und Arbeitsstrukturen in der österreichischen Architektur. Dazu werden vorliegende statistische Daten sowie empirische Ergebnisse aus einem eigenen Forschungsprojekt zur Kreativwirtschaft in Wien herangezogen. Die Analyse ergibt, dass sowohl die Nachfrage nach Architekturleistungen als auch das Angebot an akademischen Arbeitskräften wächst, letzteres vor allem in den Grauzonen der (schein-)selbstständigen Erwerbstätigkeit. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse, niedrige Einkommen, ungenügende soziale Absicherung sowie lange Arbeitszeiten sind im Architekturberuf verbreitet. Nicht zuletzt aufgrund künstlerisch- kreativer Berufsleitbilder übt die Profession Architektur dennoch großen Reiz auf Neueinsteiger aus. Das Missverhältnis zwischen Arbeitskraftnachfrage und -angebot wird deshalb auch in Zukunft nicht aufzulösen sein. Wie in anderen Sektoren der Kreativwirtschaft korrespondiert der Zustrom in selbstständige Erwerbsformen mit Risiken der mangelnden sozialen Absicherung. Um zu verhindern, dass sich Formen der selbstständigen Erwerbstätigkeit in zukunftsträchtigen Branchen wie der Architektur als Zonen der Prekarität verfestigen, sind Sozialversicherungssysteme auszubauen, insbesondere gegen das Risiko der Auftrags- bzw. Arbeitslosigkeit. Professionsinterne Selbstregulation oder freiwillige Selbstversicherung werden allerdings nicht ausreichen.

6.2 Berufsbild und Berufszugang im europäischen Vergleich

Georg Pendl

Im Vergleich zwischen geregelten und ungeregelten Berufszugängen gilt es, die verschiedenen Vor- und Nachteile abzuwägen. Der geregelte Berufszugang bedeutet eine Hürde, deren Beschaffenheit nicht prohibitiv sein darf. Der ungeregelte Berufszugang kennt eine derartige Hürde nicht, führt aber klarerweise im legalen System wie letztlich im wahren (Behörden-)Leben zu geringerer Kompetenz und Anerkennung und somit zu einer Marginalisierung des Berufs.

Ausblick für die Situation in Österreich:
  • Anpassung des Berufszuganges an EU-Level; die Kombination von universitärer Ausbildung und Praxiszeit – an sich durchaus sinnvoll – muss den realen Bedingungen angepasst werden; ein Anwärterstatus auf freiwilliger Basis ist einzurichten.
  • Kammermitgliedschaft als Anwärter
  • Schaffung eines Anwärterstatus mit Rechten und Pflichten
  • optionale Beteiligung am Pensionssystem-Entfall der verlorenen GSVG-Jahre
  • Bezeichnung Architekt für Anwärter (Österreich ist das einzige Land in der EU, das den AbsolventInnen bei Abschluss des Universitätsstudiums die Bezeichnung Architekt verwehrt)
  • selbstständige Tätigkeit in eingeschränktem Rahmen (in Bayern bis zum Doppelhaus, allenfalls Abgrenzung mit bauanzeigepflichtigen Bauvorhaben)
  • Anerkennung von Praxiszeiten, die während des Studiums absolviert wurden

6.3 Realitycheck: Defizite und Umsetzungserfordernisse

Dustin Tusnovics

Wie sieht die Fremdsicht, Selbstsicht und das Berufsbild der Architektin/des Architekten heute aus? Der Begriff „Qualität“ steht für alle Seiten an erster Stelle, wird aber sehr unterschiedlich interpretiert.
Analyse: BauherrInnen und BauträgerInnen über ArchitektInnen; Frage der architektonischen Qualität, entspricht sie der Vorstellung der Qualität und der Rendite der BauherrInnen?
Kritische Bemerkungen: Nachlass bis 50%; alles aus einer Hand; ArchitektInnen hätten keine Ahnung und versuchten immer nur, sich ein Denkmal zu setzen; ArchitektInnen, ganz allgemein, haben kein Verständnis für wirtschaftliches Denken; ja, wir sagen dem/der ArchitektIn, wie sie/er was zu planen hat und
dann darf sie/er noch etwas Beschönigendes zum Entwurf beitragen, wir müssen schließlich auch für die Corporate Identity sorgen.
Chancen für die Zukunft, Ansatz: das „Berufsbild“ neu definieren und BauherrInnen auf Mehrwert durch Architektur aufmerksam machen.

6.4 Vergabepraktiken im Leistungswettbewerb

Zu Prinzipien der Vergabe von Planungsleistungen in Österreich

Walter M. Chramosta und Johannes S. Schnitzer

Der öffentliche Auftraggeber ist an Fairness, Objektivität und Transparenz gebunden, muss bei Planungsvergaben aber auch Preis und Qualität abwägen. Das gelingt nicht immer nachvollziehbar, zumal das Vergaberecht die Planung wegen der Distanz der Legistik zur Praxis nicht genügend würdigt. Oft wird das „zweitbeste“ Verfahren verwendet, obwohl langfristig Wettbewerbe am effizientesten sind. Die Treffsicherheit von Planungsvergaben kann gesteigert werden, wenn man folgende Prinzipien beherzigt: Angemessenheit des Verfahrens (Passung von Verfahrensart und -durchführung zur Aufgabenstellung), Baukultur (informelle Lösung von Interessenkonflikten über die gebaute Umwelt im Vorfeld formaler Verfahren), Interesselosigkeit (Akzeptanz für das Verlangen der PlanerIn, an der Akkumulation symbolischen Kapitals teilzuhaben), Kostenwahrheit (Kenntnis der Verfahrens-, Planungs- und Baukosten in Relation zu den Lebenszykluskosten eines Bauwerks), Trennung von Planung und Ausführung (Gewaltenteilung zwischen ZiviltechnikerInnen und Gewerbe, Leistungs- und Preiswettbewerb), Wettbewerb (fundamentaler Prozess, in dem Menschen Wissen erwerben und mitteilen). Diese sechs Prinzipien kommen in Österreich nicht hinreichend zur Anwendung. Der Wettbewerb im weitesten Sinne ist unvollständig, was bedenklich ist, da 2005 in ca. 260 Verfahren ZiviltechnikerInnen auf Risiko eine geschätzte Vorleistung von mehr als EUR 100 Mio. erbracht haben. Das Vergabewesen steht daher im Hinblick auf Bauplanungsleistungen vor einer richtungsentscheidenden Reform. Es wird angeregt, die angeführten Prinzipien öffentlich zu verhandeln und schließlich in einer „Deklaration zur Baukultur in Österreich“ festzulegen. Das Vergaberecht ist punktuell zu novellieren, die technische Forschung über Auslobungs- und Vergabeverfahren voranzutreiben.

6.5 EU-Richtlinien und ihre Auswirkungen auf die Baukultur

Robert Krapfenbauer mit Raimund Schüller

Die Umsetzung von EU-Richtlinien in nationales Recht kann sich sowohl positiv als auch negativ auf die Baukultur auswirken. Aus diesem Grund sollten die Mitgliedstaaten bereits im Entstehungsprozess entsprechend ihrer Möglichkeiten auf die EU-Gesetzgebung einwirken. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, auch bei der Umsetzung eine hohe Planungsqualität zu bewahren.

Ad Bundesvergabegesetz (BVergG) 2006
Eine hohe Bau- und Vergabekultur kann nur dann sichergestellt werden, wenn insbesondere auch die öffentlichen AuftraggeberInnen sich zum Qualitätswettbewerb und Bestbieterprinzip bekennen. Weiters sind bei den Vergaben durch die öffentliche Hand auch die bestehenden Markt- und Bürostrukturen entsprechend zu berücksichtigen, damit Österreich auch künftig ein attraktiver Wirtschaftsund Beschäftigungsstandort bleibt, der über entsprechendes Know-how verfügt.

Ad Berufsanerkennungsrichtlinie
Im Zuge der Umsetzung in nationales Recht muss sichergestellt werden, dass die Qualität der in Österreich erbrachten Dienstleistungen auf hohem Niveau – insbesondere im Hinblick auf den Konsumentenschutz – aufrechterhalten bleibt. Dazu ist es erforderlich, dass die gemäß der RL vorgesehenen Möglichkeiten adäquat umgesetzt werden.

Ad Entwurf Dienstleistungsrichtlinie
Es darf zu keiner Nivellierung der Qualitätsstandards EU-weit nach unten kommen. Bei grenzüberschreitender Dienstleistungserbringung sind die österreichischen Qualitäts- und Sozialstandards einzuhalten. Seitens Österreichs ist darauf hinzuwirken, dass im endgültigen Text der Dienstleistungsrichtlinie expressis verbis der Vorrang der BerufsanerkennungsRL verankert wird.

6.6 Hehre Versprechungen und innere Wirklichkeit

Utz Purr

Baukultur ist die Schaffung von Architektur durch Dienstleistungen. Der bisherige Wettbewerbsvorteil für Österreich als Exporteur von Planungsleistungen ist durch ein Qualitätsverständnis gegeben, das über dem europäischen „Kleinsten gemeinsamen Nenner“ liegt und sich nicht nur auf einzelne Spitzenleistungen bezieht. Österreichische Gesetzgeber auf allen Ebenen sind daher gefordert, direkte und indirekte Auswirkungen der EU-Direktiven zu beachten. Mangelt es daran, wird sich eine innerösterreichische Qualitätserosion ergeben und extern die ständig zitierten Chancen verloren gehen.

6.7 Die Kunst der Lehre

Roland Gnaiger

Künstlerische Aspekte im Architekturschaffen sind Zusatzleistungen im Sinne eines Mehrwerts. Für InvestorInnen und NutzerInnen stehen die Finanzierbarkeit, die Einhaltung des Budget- und Zeitplanes sowie die Auswirkung auf die Lebensqualität im Vordergrund ihrer Wahrnehmungsebene. Diese Ebene haben ArchitektInnen zumeist nicht. Für sie stehen vor allem räumlich-ästhetische sowie funktionelle Aspekte im Vordergrund. Die folgenden fünf Aspekte müssen im Rahmen der Ausbildung an künftige PlanerInnen vermittelt werden:

  1. Auseinandersetzung mit Themen und Zielen der Ausbildung. Es gilt, diese Aufgaben genau zu hinterfragen und auf das heutige Anforderungsprofil hin abzustimmen.
  2. Vermittlung eines profunden handwerklich-technischen Know-hows, um die Ziele auch tatsächlich umsetzen zu können. Es darf dabei zu keiner Spaltung zwischen Kunst und Technik kommen, bei der die Technik nur als dienende Disziplin gesehen wird.
  3. Künstlerischer Aspekt: An den österreichischen Universitäten ist der internationale Trend ablesbar, durch die Berufung von StararchitektInnen deren Genialität auf die Studierenden zu übertragen. Die wesentlichen Paradigmenwechsel der Architektur sind aber durch technische Innovation entstanden. Konstruktive Optimierungen, neue Materialien, Verbundwerkstoffe und neue Produktionstechnologien haben die Entwicklung der Architektur wesentlich stärker beeinflusst bzw. weiterentwickelt als rein künstlerische Aspekte.
  4. Vernetzung, vernetztes Denken, das Wissen um Verbindungen und Abhängigkeiten sowie eine ganzheitliche Sichtweise müssen Ziele der universitären Ausbildung sein.
  5. Kommunikationsfähigkeit und Vermittlungskompetenz müssen geschult werden. Die Politik ist gefordert, die Architektur-Ausbildung nach den fünf genannten Aspekten neu auszurichten. Darüber hinaus sind klare politische Zielvorgaben zu formulieren, um baukulturelle Standards zu gewährleisten. Ein entsprechendes Engagement seitens der politischen EntscheidungsträgerInnen ist dafür unerlässlich.

6.8 Universitäten und Fachhochschulen

Christian Kühn

Pro Jahr schließen an österreichischen Universitäten rund 550 Studierende im Bereich Architektur ein Studium ab (davon 30 an den Kunstuniversitäten), 220 im Bauingenieurwesen, 35 in der Raumplanung und 80 in der Landschaftsplanung und Landschaftspflege. Dazu kommen rund 300 AbsolventInnen baubezogener Studien an Fachhochschulen.


Zu den besonderen Stärken der Ausbildung in Österreich gehören:

  • Internationale Positionierung
  • Regionale Ausgewogenheit mit spezifischer Profilierung
  • Grundkonsens über ganzheitliche, interdisziplinäre Ausbildung mit Praxisbezug
  • Hohe Attraktivität des Architekturstudiums trotz angespannten Arbeitsmarkts


Diesen Stärken steht eine Reihe von Schwächen gegenüber:

  • Teilweise schlechte Ausstattung mit Ressourcen
  • Mangelnde Kooperation zwischen Architektur und Ingenieurwissenschaften
  • Mangelnde strukturelle Anpassung an Anforderungen der Praxis
  • Ausbildungsmängel in den Bereichen Wirtschafts- und Rechtskompetenz, Fremdsprachen und Soft Skills


Die aktuellen Rahmenbedingungen eröffnen mittelfristig eine Reihe von Chancen:

  • Profilierung auf dem internationalen Bildungsmarkt
  • Attraktivität für Studierende aus dem Ausland
  • Starke Partnerschaften mit Industrie und Gewerbe in der Forschung und experimentellen Entwicklung
  • Positiver Einfluss auf die regionale Baukultur durch Bildungsinstitutionen


Als Gefahren für die Entwicklung sind folgende Punkte besonders hervorzuheben:

  • Mangelnde Koordination der österreichischen Bildungseinrichtungen im Zuge weiterer Deregulierung
  • Verschlechterung des allgemeinen Ausbildungsniveaus durch berufsqualifizierende Bachelorausbildung und zu frühe Spezialisierung
  • Fehlentwicklungen im Fachhochschulbereich durch generalistische statt spezialistische Ausbildung


Aufgrund der jüngeren Entwicklung sowohl auf europäischer Ebene (Bologna- Prozess) als auch auf österreichischer Ebene (UG 2002, Hochschulautonomie) befindet sich das Bildungssystem im Umbruch in Richtung eines Bildungsmarktes mit einer Vielzahl von Anbietern.


Für die Politik ergeben sich insgesamt folgende strategische Empfehlungen:

  • Festlegung von strategischen Zielen zur Förderung der Baukultur durch exzellente Ausbildung als Input für die Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten (unter Einbeziehung eines/er Baukulturbeauftragten)
  • Aufbau von international anerkannten Akkreditierungs- und Evaluierungseinrichtungen bzw. deren Aktivierung für den universitären Bereich
  • Schaffung fairer Rahmenbedingungen zwischen Kunstuniversitäten, Technischen Universitäten und Fachhochschulen (angemessene Ressourcenverteilung unter Berücksichtigung des freien Hochschulzugangs und einer selektiven Eingangsphase)
  • Förderung von Hochschulpartnerschaften (double and triple degrees)
  • Förderung von Exzellenznetzwerken in der Forschung und im postgradualen Bereich
  • Förderung eines aktiven, international orientierten Bildungsmarketings für die Ausbildung im Bauwesen

6.9 Karriere mit Lehre – Ausbildung am Bau

Christian Schützinger

Kein anderer Wirtschaftszweig in Österreich hat ein durchlässigeres Aufstiegssystem wie die Bauwirtschaft.„Karriere mit Lehre“ ist in den Bauberufen derart verwirklicht, dass nach dem Abschluss einer Lehre der Aufstieg des Facharbeiters bis zum Baumeister und sogar eine akademische, berufsspezifische Ausbildung möglich sind.
Im Bauhauptgewerbe gibt es derzeit die Lehrberufe Maurer, Schalungsbauer, Bautechnischer Zeichner, Straßenerhaltungsfachmann. Die Ausbildung ist in den jeweiligen Berufsbildern geregelt und dauert 3 Jahre.
Die „duale Ausbildung“, das Wechselspiel von Theorie und Praxis, ist die wesentliche Stärke des österreichischen Berufsausbildungssystems. Die österreichische Bauwirtschaft hat mit der Errichtung der sozialpartnerschaftlich vereinbarten Lehrbauhöfe dieses System noch verbessert und neue Wege der Lehrlingsausbildung beschritten. Die Lehrbauhöfe vermitteln in der zwischenbetrieblichen Ausbildung jene Ausbildungsinhalte, die die Betriebe nicht zur Gänze abdecken können.
Die Aufstiegsmöglichkeiten nach der Lehrabschlussprüfung beginnen beim Erwerb von Zusatzqualifikationen, wie z.B. Betontechnologie und Althaussanierung, führen über den Vorarbeiter zum Polier, weiter zum Bauleiter und als möglicher Berufsabschluss hin zum Baumeister. Um die Aufgaben der beruflichen Weiterbildung effizient und einheitlich durchzuführen, wurde 2002 die BAUAkademie
Österreich gegründet, die alle österreichischen Lehrbauhöfe unter dieser Dachmarke vereinigt. In den BAUAkademien wird Ausbildung im Baubereich methodisch, sachlich, kompetent und qualitativ höchstwertig durchgeführt, um dem Anspruch der „Bildungswilligen“ gerecht zu werden.
Neben der Lehre sind die Berufschancen der AbsolventInnen österreichischer Fachschulen und der Höheren Technischen Lehranstalten ausgezeichnet. Die Baumeisterprüfung krönt den beruflichen Aufstieg und ermöglicht neben vielen anderen beruflichen Vorteilen den Weg in die Selbstständigkeit. Die Zugangsvoraussetzungen für das unbeschränkte Baumeistergewerbe sind eine facheinschlägige Ausbildung mit Praxiszeiten sowie die erfolgreich abgelegte Befähigungsprüfung.
Der Lehrgang universitären Charakters „Projektmanagement – Bau“ der BAUAkademien Österreichs, schließt nach vier Semestern, mit Verleihung des akademischen Titels Master of Science,„MSc PM Bau“, ab.


http://www.baukulturreport.at/