Österreichischer Baukulturreport 2006



Architekturpolitik

Architekturpolitik in Europa

Robert Temel
„Architekturpolitik“ lässt zuerst an Politik für ArchitektInnen denken. Doch dieser Eindruck trügt: Europäische Staaten setzen sich mit Architekturpolitik das Ziel, die Bedingungen für die Produktion und Nutzung der gestalteten Umwelt und somit die Lebensbedingungen für ihre BürgerInnen zu verbessern. Und sie tun das nicht nur mit Wirtschafts- und Kulturpolitik – sie integrieren etwa Architektur- mit Sozial- und Umweltpolitik oder nützen die staatlichen Bildungssysteme für diese Zwecke. Die bestehenden Politiken können nur schwer direkt verglichen werden, weil die staatlichen Strukturen verschieden sind (z.B. Föderalismus oder Zentralstaat) und kulturelle Bedingungen wie das Berufsbild der ArchitektInnen sich stark unterscheiden. Wohl aber können erfolgreiche Strategien adaptiert und übertragen werden. Gemeinsam sind den betrachteten Ländern die übergeordneten Politiken der EU (z.B. Priorität des Wettbewerbs und der Marktfreiheiten, Lissabon-Strategie, Bologna-Prozess)







sowie der Anstoß durch das Dokument „Europe and Architecture Tomorrow“ des Architects’ Council of Europe von 1995 – dieser Text war für viele Länder ein erster Anstoß, ein weiterer folgte mit der Entschließung des EU-Rates zur architektonischen Qualität der städtischen und ländlichen Umwelt 2001, allerdings begannen manche (Frankreich, Niederlande) schon viel früher mit ihrer Architekturpolitik. Als europaweites Netzwerk zur Architekturpolitik startete 2000 das European Forum on Architectural Policies, das seither im Rahmen jeder Ratspräsidentschaft eine Konferenz veranstaltet.

Unter Architekturpolitik wird hier eine Sammlung von aufeinander abgestimmten politischen Werkzeugen in zumindest einigen Bereichen verstanden, darunter Qualitätsvorgaben für das öffentlich finanzierte Bauen, Architekturvermittlung und BürgerInnenbeteiligung, qualitätsorientierte Vergaberichtlinien, Einbeziehung lokaler Entscheidungsebenen, Ausbildung und Forschung, Qualitätskontrolle und Evaluation.

Man kann es demnach noch nicht Architekturpolitik nennen, wenn ein Staat ein Vergabegesetz hat oder ein Architekturhaus finanziert. Die meisten nord- und westeuropäischen Staaten haben eine Architekturpolitik, viele andere streben eine an. Es folgt ein kurzer Überblick über die wichtigsten nationalen Architekturpolitiken Europas ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Niederlande

Bereits seit 200 Jahren gibt es einen so genannten Rijksbouwmeester (Reichsbaumeister) in den Niederlanden, der vorrangig für die Qualität staatlicher Bauten zuständig ist. Eine integrierte Architekturpolitik startete 1992 mit der Nota over het Architectuurbeleid (Bericht über die Architekturpolitik), weiterführende Berichte folgten 1996, 2000 und 2005. Jede Nota hatte das Ziel, die allgemeine Architekturqualität zu heben, wobei jedes Mal andere Aspekte im Zentrum standen: zuerst die breite Öffentlichkeit, dann das Qualitätsbewusstsein unter öffentlichen und privaten AuftraggeberInnen, dann die öffentliche Hand als Vorbild. Der letzte Bericht widmet sich dem Architectuuren Belvederebeleid, also der Architektur- und Kulturerbepolitik, und rückt verstärkt den historischen Bestand ins Blickfeld, was auch durch ein größeres Budget für diesen Bereich ausgedrückt wird (beide zusammen aktuell EUR 26 Mio. pro Jahr, ohne „Große Projekte“ und andere spezifische Aktivitäten). Prinzipiell ist eine Integration von neubau- mit bestandsorientierter Politik sinnvoll, es scheint hier jedoch um eine teilweise Abkehr von den ursprünglichen Intentionen zu gehen.
Mittlerweile werden die Notas von insgesamt sieben Ministerien gemeinsam herausgegeben. Bemerkenswert vor allem an der zweiten und dritten Nota ist die Tatsache, dass die Programme dezidiert soziale und umweltpolitische Fragestellungen integrieren, seit 1996 sind die Thematiken Städtebau, Landschaftsplanung, Infrastruktur und Raumordnung Teil der Berichte. Dies zeigt sich etwa an den zehn „Großen Projekten“ von 2000 (der Titel nimmt ironisch Bezug auf die französischen Grands Projets), die eine neue Bahnlinie und die Landschaftsgestaltung entlang einer Autobahn ebenso umfassen wie eine Offensive zur Qualität des öffentlichen Raumes und die Sanierung des Rijksmuseum in Amsterdam. Der neue Bericht von 2005 strich viele dieser Projekte und ersetzte sie beispielsweise durch kulturerbeorientierte Alternativen und ein Botschaftsbauprogramm. Somit muss festgestellt werden, dass manches in der innovativen niederländischen Architekturpolitik mittlerweile wieder verloren gegangen ist.
Zentrale Elemente dieser Politik sind das seit 1988 bestehende Niederländische Architekturinstitut (NAi) in Rotterdam, eines der größten Architekturhäuser, das durch ein Netz von aktuell 48 lokalen Architekturhäusern im ganzen Land ergänzt wird; die mit der ersten Nota gegründete Stiftung Architectuur Lokaal, die lokale Verwaltungen unterstützt und berät sowie bei der Entwicklung einer eigenen Architekturpolitik hilft; sowie der Stimulierungsfonds für Architektur, der mit aktuell jährlich etwa EUR 4,7 Mio. ausgestattet ist (ein Drittel für Kulturerbeprojekte), die für Vermittlungsprojekte, Modellprojekte, (designbased) research, experimentelle Projekte, Förderungen für Gemeinden und Bauherreninformation vergeben werden. Zusätzlich werden vom Fonds voor Beeldende Kunst,Vormgeving en Bouwkunst für ArchitektInnenförderung etwa EUR 1 Mio. ausgeschüttet. Weiters existiert eine Reihe von ergänzenden Strukturen wie die in den 1920er Jahren eingeführten Gestaltungsbeiräte in 80 Gemeinden und neun Provinzen, die interministerielle Architekturplattform, die Unterstützung des Architekturtourismus sowie die Förderung des Ausbildungssektors (z.B. Berlage-Institut).


Dieser eindrucksvollen Bilanz stehen allerdings auch grundsätzliche Probleme gegenüber: schwerfällige Planungsinstitutionen, die Abschaffung des geförderten sozialen Wohnbaus 1994 und das fast vollständige Fehlen von offenen Wettbewerben, das es NeueinsteigerInnen entsprechend schwer macht. Fazit: ein gelungenes Branding der niederländischen ArchitektInnen und erfolgreicher Architekturexport, und ein bevölkerungsnahes Netz von Vermittlungs- und Planungsinstrumenten – dazwischen gibt es noch viel zu tun.


Finnland

Finnland führte anlässlich der Ratspräsidentschaft 1999 eine umfassende Architekturpolitik ein. Grundlage dafür waren 24 Regierungsbeschlüsse, die konkrete Vorgaben von der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand über die Baugesetzgebung, den Kultur- und Bildungsbereich, die Qualitätssicherung bis zur Förderung des öffentlichen Bewusstseins machten – die Beschlüsse wurden unter Beteiligung der betroffenen Ministerien über zwei Jahre lang entwickelt. Diese Politik basiert auf dem neuen Paragraph 20 der finnischen Verfassung: „Die Verantwortung für die Natur und ihre Vielfalt, die Umwelt und das kulturelle Erbe wird von allen getragen. Die öffentliche Gewalt hat danach zu streben, für jeden das Recht auf eine gesunde Umwelt und die Möglichkeit, seine Lebensumgebung betreffende Beschlussfassung zu beeinflussen, zu sichern.“ Die Beschlüsse forderten bei öffentlicher und öffentlich geförderter Bautätigkeit sowie bei Gesetzesvorhaben die Berücksichtigung architektonischer Qualität, sie verstärken das System der seit 1982 bestehenden RegionalarchitektInnen, die mittlerweile 115 insbesondere kleinere Kommunen und 30 Regionen beraten, eine nationale Strategie für das architektonische Erbe (hier gibt es keine lange Tradition des Denkmalschutzes wie in Mitteleuropa), die Integration von Architekturbildung in Schulen, Erwachsenenbildung und Bildungsprogramme für EntscheidungsträgerInnen, die Förderung von Forschung und Experiment in der Architekturausbildung, die Verbesserung der Vergabe, insbesondere durch Wettbewerbe, sowie verstärkte Vermittlungsarbeit. Nach einem 2002 vorgelegten Bericht über diese Politik wurde ein Nationaler Rat für Architektur installiert, der die Weiterentwicklung regelmäßig kontrolliert. Im Bildungswesen hat Architektur in Finnland schon lange große Bedeutung, die durch das Flächennutzungs- und Bebauungsgesetz von 2000 noch verstärkt wurde, da dieses die BürgerInnenbeteiligung massiv stärkt und somit Kenntnisse über Baukultur bei allen voraussetzt.

Auch wenn man der finnischen Architekturpolitik Erfolge zubilligen kann, gibt es doch eine Reihe von Problemen: Nach wie vor werden Planungsaufträge oft nach Preis- statt Qualitätskriterien vergeben, vor allem auch in kleinen Gemeinden, das finnische Baurecht wurde bisher nicht hinsichtlich der Berücksichtigung architektonischer Qualität evaluiert, und insgesamt leidet das Programm unter zu geringen finanziellen Ressourcen und zu wenig Kontinuität. In Finnland wird heute zwar überwiegend mittels nicht offener Verfahren beauftragt, wobei aber eine langdauernde und hervorragende Wettbewerbskultur besteht, von der Qualität der Vor- und Nachbereitung bis zur Intensität der Jurierung. Der Rat versucht, die Weiterführung der Politik von 1998 zu forcieren und insbesondere bei den Gemeinden, bei neuen Methoden zur interinstitutionellen Kooperation und bei der Fortbildung anzusetzen – die fehlende Integration der lokalen Ebene scheint ein Grund für die bisher mangelhafte Umsetzung zu sein, aber mittlerweile gibt es bereits einige Städte mit eigenen Architekturpolitiken.


Schweden

Ausgangspunkt der schwedischen Architekturpolitik war das 1998 vom Kulturministerium publizierte Dokument „Zukunftsformen. Handlungsprogramm für Architektur, Formgebung und Design“, in dem Ziele formuliert sowie „ästhetische Paragraphen“ für Gesetze vorgeschlagen wurden. Dieses Programm basierte auf einem zweijährigen Diskussionsprozess unter den betroffenen öffentlichen Stellen. Die vom Reichstag beschlossenen Ziele sind das Herstellen von vorteilhaften Bedingungen für Architektur und Design, die Forcierung von Qualitäts- und ästhetischen Kriterien gegenüber rein finanziellen, Schutz und Förderung der historischen und ästhetischen Werte der bestehenden Umwelt und die Vorbildwirkung des öffentlich finanzierten Bauens, insbesondere bei der Vergabe – in Schweden werden etwa zwei Drittel der Architektur- und Ingenieurleistungen über offene Verfahren vergeben. Die „ästhetischen Paragraphen“ wurden in das Baugesetz, das Straßenbaugesetz und das Eisenbahngesetz aufgenommen, was weit über ähnliche Ansätze in anderen Ländern hinausgeht. Dies bedeutet beispielsweise, dass bei Neubauten auf die ästhetische Einfügung ins Umfeld geachtet und bei Umbauten auf den ästhetischen Wert des Bestandes Rücksicht genommen werden soll und dass bei Straßen und Bahnlinien die Umgebung mit ihrem kulturellen und natürlichen Wert beachtet werden muss.

Um Verbesserungen im Bildungsbereich zu erreichen, wurden Architektur und Design in die Lehrpläne aufgenommen und Architekturstudienpläne und Forschungsaktivitäten evaluiert. All diese Schritte integrierte man ohne große zweckgewidmete Budgets auf einfache Weise in die jeweiligen Politikbereiche – die Schaffung von neuen Institutionen stand dabei vorerst nicht auf der Agenda, erst 2004 wurde ein Rat für Architektur, Form und Design eingerichtet, der die diesbezügliche Politik weiter vorantreiben soll, was auf einen auch hier vorhandenen Umsetzungsmangel hindeutet.

Frankreich

Eine französische Architekturpolitik wurde bereits 1977 mit dem Architekturgesetz eingeleitet und bezog sich direkt auf die damaligen Auseinandersetzungen um das Erbe der Moderne und den Bauwirtschaftsfunktionalismus: „Architektonische Kreativität, die Qualität von Gebäuden, ihre harmonische Integration in die Umwelt, der Respekt vor der natürlichen Landschaft oder dem städtischen Gefüge und vor dem gemeinsamen und privaten Erbe sind im öffentlichen Interesse.“ Für die Umsetzung sind neben den Ministerien vorrangig die Interministerielle Mission für Qualität im öffentlichen Bauen (MIQCP) sowie seit 1998 die Direktion für Architektur und das Kulturerbe (DAPA) verantwortlich. Die MIQCP berät öffentliche Auftraggeber hinsichtlich Architekturqualität, fördert Wettbewerbe, unterstützt Fortbildungsmaßnahmen für AuftraggeberInnen und kommuniziert ihre Methoden und Erfolge in der Fachöffentlichkeit, die DAPA ist demgegenüber mehr auf die breite Öffentlichkeit sowie den Zusammenhang zwischen Architektur und kulturellem Erbe ausgerichtet. Nach und nach entstand eine umfassende Gesetzgebung in Bezug auf Wettbewerbe und die Qualität öffentlicher Bauten – Vergaben erfolgen hier in der Hälfte der Fälle durch Wettbewerbe. Ein wichtiges Element der französischen Architekturpolitik waren in der Vergangenheit die Grands Projects der Präsidenten. Die Architekturpolitik war bisher stark auf den staatlichen Bereich beschränkt, was insbesondere in Zeiten zunehmender Liberalisierung und Privatisierung problematisch ist. Deshalb wird mittlerweile versucht, Architektur im Bildungssystem verstärkt zu thematisieren.
Neben dem nichtstaatlichen Exportförderverband Architectes Français à l’Export gibt es eine Reihe von staatlichen Maßnahmen zur Förderung junger ArchitektInnen. Ein Instrument zur Dezentralisierung und breiten Kommunikation sind die insgesamt fast 100 lokalen Conseils d’Architecture, d’Urbanisme et de l’Environnement (CAUE), die Gemeinden und Private kostenlos beraten und bei der Vermittlung in Schulen aktiv sind. Eine Reihe von Architekturvermittlungsinstitutionen betonen die Bedeutung, die der Staat der Thematik gibt: 2007 wird die Cité de l’Architecture et du Patrimoine als weltweit größtes Architekturzentrum eröffnet und komplettiert mit ihrer Verknüpfung von zeitgenössischer und historischer Architektur das bereits bestehende Angebot an Architekturhäusern.



Schottland

Im Jahr des Antritts der neuen schottischen Regierung 1999 wurde das Rahmendokument The Development of a Policy on Architecture for Scotland publiziert, um 2001 schließlich in einer dezidierten Architekturpolitik zu münden, für die eine Architecture Policy Unit zuständig ist. Zu den zentralen Zielen der Regierung zählt die Förderung von nachhaltiger Entwicklung und des Schutzes und der Verbesserung der Qualität der natürlichen und gebauten Umwelt, somit ist die Architekturpolitik wesentlicher Teil der politischen Agenda. 2006 wurde eine Public Consultation über die zukünftige Ausrichtung der Architekturpolitik durchgeführt.

Die Ziele der Politik sind die Förderung von Architekturqualität und einer Debatte über die Rolle der Architektur, eine Qualitätsanhebung in der gebauten Umwelt und die Förderung schottischer Architektur, die Steigerung des Interesses und der BürgerInnenbeteiligung in Angelegenheiten der gebauten Umwelt, die Förderung einer Kultur der Qualität in der Vergabe öffentlich finanzierter Gebäude und die Ausrichtung von Planungs- und Baustandards auf Entwurfsqualität. Mittel dafür sind das Architekturzentrum Lighthouse in Glasgow, ein virtuelles Architekturzentrum, Förderung der Architekturvermittlung in Schulen und für öffentliche AuftraggeberInnen, die Einrichtung von Architekturpreisen und vermehrte Vergabe mittels Wettbewerben, architekturtourismusbezogene Aktivitäten, der Innovation Fund für Projekte auf Gemeindeebene und ein Netzwerk von Aktivitäten in den Gemeinden, die Erarbeitung von auf Entwurfsqualität bezogenen Indikatoren in öffentlich finanzierten Projekten und die Berücksichtigung von Entwurfsprozessen im neuen Baugesetz von 2003. Statt der Royal Fine Art Commission for Scotland wurde 2005 als neue Institution Architecture and Design Scotland eingerichtet. Wichtiges Element der neuen Politik ist ein Schwerpunkt in der öffentlichen Vermittlung durch Lighthouse, der noch bis 2008 andauert und mit jährlich EUR 480.000 budgetiert ist. 2007 soll eine Biennale für Design und Architektur in den sechs schottischen Städten starten. Ein Schwerpunkt der Architekturpolitik ist der Schulbau, da 300 Schulen bis 2009 neu gebaut oder saniert werden.


England

Das Kulturministerium und das neue Department for Communities and Local Government finanzieren seit 1999 die außerhalb der Verwaltung stehende Commission for Architecture and the Built Environment (CABE). CABE hat mehr als 100 MitarbeiterInnen und ist verantwortlich für die Beratung im Zusammenhang mit Bauprojekten der öffentlichen Hand, insbesondere auch in Fragen des öffentlichen Raumes; Begleitung von Entwurfs- und Bauprozessen; Unterstützung öffentlicher Institutionen beim Aufbau eigener Architekturkompetenz; Förderung besserer Ausbildung für Architektur und Stadtplanung; Durchführung von Forschung und Öffentlichkeitsarbeit über Architektur und öffentliche Räume – und CABE soll die Öffentlichkeit dabei unterstützen, höhere Qualität in Architektur und Stadtplanung zu fordern. Ein wichtiger Aufgabenbereich sind zielgruppenspezifische Vermittlungsprogramme, etwa für die Wohnbauindustrie oder für lokale Institutionen, die Freiraumplanungsprojekte umsetzen wollen. Auch in England gibt es ein von CABE betreutes Schulbauprogramm, in dem für die kommenden 13 Jahre jede Woche fünf Schulen erneuert werden, und CABE führt regelmäßig Audits neu errichteter Wohnbauten hinsichtlich ihrer Designqualität durch.

Als zweites Standbein der englischen Architekturpolitik rief der Premierminister 2000 mittels der Initiative Better Public Buildings und einem diesbezüglichen jährlichen Preis zur Verbesserung der öffentlich beauftragten Architektur auf. Um das Programm in die Ministerien zu tragen, wurden dort so genannte Design Champions („Gestaltungsanwälte“) positioniert, die jeweils spezifische Programme zur Qualitätssicherung umsetzen und sich mit ihren Projekten um den Preis bewerben. Vergaben erfolgen hier zu 80% über nicht offene Verfahren.

Irland

Eine eigene irische Architekturpolitik wurde 1997 mit einem Government Policy Statement gestartet, das sich auf Nachhaltigkeit, Innovation in der Architektur, das architektonische Erbe und Maßnahmen im Bausektor konzentrierte. Etliche der damaligen Ziele wurden mittlerweile erreicht, vor allem im Bereich der Nachhaltigkeit, des Kulturerbes und der Vergabe. Deshalb folgte als Ergänzung die Action on Architecture 2002 – 2005, die die Schwerpunkte Architekturvermittlung, Vorbildfunktion der öffentlichen Auftraggeber und Förderung der Entwurfsorientierung und der Innovation im Planungsprozess einführte – das Programm enthält 29 Aktionspunkte mit detaillierten Zuständigkeiten und Zeitrahmen. 2005 wurde die Irish Architecture Foundation gegründet und das erste irische Architekturfestival durchgeführt. 2006 soll die Architekturpolitik evaluiert und danach entschieden werden, ob sie weitergeführt wird.

Italien

Eine Initiative für Architekturpolitik wurde 2002 von der Opposition gestartet und führte zu einem Gesetzesentwurf 2003 (Legge quadro sulla qualità architettonica), der in der Zwischenzeit mehrmals abgeändert wurde, aber nach wie vor nicht in Kraft getreten ist. Ziel waren die Förderung der Architekturqualität insbesondere bei öffentlichen Bauten, der verstärkte Einsatz von Wettbewerben, die Erweiterung des Denkmalschutzes auf zeitgenössische Architektur, Förderung von Ausbildung, Forschung und Dokumentation sowie umfassende Maßnahmen zur Architekturvermittlung. Im Zuge der parlamentarischen Behandlung wurden Bezüge auf Stadtplanung und Umweltgestaltung wieder entfernt – es geht nunmehr nur um Architektur und nicht mehr um eine übergeordnete Bezugnahme auf die Verbesserung der Lebensqualität.

Estland

Eine 2004 gegründete Architekturkommission betreut die 2002 vom Parlament beschlossene estnische Architekturpolitik. Zentrale Absichten sind ein besserer Schutz des Kulturerbes, eine höhere Effektivität der Verwaltung im Architekturbereich, die Förderung von Lehre und Forschung sowie die internationale Vernetzung. Mittel dafür sind eine Anpassung von bestehenden Gesetzen, die verstärkte Berücksichtigung von Wettbewerben im Vergabegesetz, ein an die Öffentlichkeit gerichtetes Kommunikationsprogramm, eine Studie über den Status quo des estnischen ArchitektInnenberufs und der Ausbildung, eine Ausweitung der Studienangebote, die Einführung eines Akkreditierungssystems für ArchitektInnen, ein Inventar des Kulturerbes und die verstärkte Kooperation bei internationalen Kommunikationsprojekten und in internationalen Vereinigungen. Die estnische Architekturpolitik ist stark von Finnland und Schweden beeinflusst, wenn sie auch von einer anderen Ausgangsebene beginnen muss. Die bereits bestehende estnische Umweltpolitik soll dadurch erweitert werden, dass der Begriff „Umwelt“ neben natürlichen Ressourcen verstärkt auch auf städtische Umgebungen angewandt wird.

Sonderfall Deutschland

Seit 1999 wird über eine Initiative zur Baukultur diskutiert, woraus schließlich 2002 die Idee einer Bundesstiftung Baukultur entstand, also einer außerhalb der politischen Institutionen stehenden Einrichtung, die allerdings hauptsächlich staatlich finanziert sein soll und sich auf Kommunikation konzentrieren wird. Der erste Statusbericht Baukultur in Deutschland wurde 2001 publiziert, ein zweiter folgte 2005. 2003 wurden die deutschen ArchitektInnen um Spenden zum Aufbau von Stiftungskapital gebeten, was ebenso wie der erste Gesetzwerdungsanlauf 2005 scheiterte. Nun, nach der Bundestagswahl und einer Adaption des Entwurfs, die verstärkt auf die Anliegen der Länder Rücksicht nimmt, ist mit einem Beschluss Ende 2006 zu rechnen. Die Stiftung plant, mit einer Reihe von Instrumenten das Verständnis für Baukultur zu heben, darunter eine Brandingstrategie mit dem Titel Made in Germany, ein Netzwerk Baukultur mit den im Architekturbereich tätigen Institutionen, einem zweijährlich erscheinenden Bericht zur Lage der Baukultur, ein „Schwarz-Weiß-Buch“ mit der Darstellung vorbildlicher und fehlerhafter Entwicklungen, die Wahl einer Stadt der Baukultur und die Förderung innovativer Projekte im Planungs- und Baubereich.

Schlüsse

Instrumente der Architekturpolitiken sind einerseits deklarative Formulierungen (mittelfristig adaptierbare Leitlinien wie in den Niederlanden, in Finnland und Schottland) und andererseits die Integration architekturspezifischer Regelungen in bereits bestehende Fachgesetze (Schweden). Besonders mächtig sind sicherlich Verfassungsregelungen wie in Finnland, aber auch Architekturgesetze wie in Frankreich.
Ein Vorteil der bisherigen österreichischen Entwicklung ist die kooperative Ausrichtung, die im weiteren Prozess um die betroffenen öffentlichen Stellen ergänzt werden müsste. So könnte aus einer Fortführung des Baukulturreports in regelmäßigem Rhythmus durch jeweils wechselnde Schwerpunktsetzung ein Leitbilddokument analog den niederländischen Notas werden.
 

Zentral für den Erfolg einer Architekturpolitik ist ohne Zweifel, dass Architektur nicht als Elitethema positioniert wird, sondern das Programm auf breites Verständnis zielt und das Thema mit wirtschaftlicher Prosperität, Lebensqualität, Innovation, BürgerInnenbeteiligung und Demokratieorientierung verknüpft wird. 

Dazu gehört die Verbindung mit Themen wie Stadt- und Regionalplanung, Landschaftsplanung, Ingenieurwesen, Infrastruktur, aber auch mit der Auseinandersetzung mit dem Bestand sowie mit neben der Architektur aktuell bedeutsamen Thematiken wie dem Schulbau (Schottland).
Ebenso zentral ist das Hinausgehen über das Deklarative durch eine Verknüpfung von konkreten geplanten Maßnahmen mit jeweils Verantwortlichen und mit festgelegten Zeitplänen für die Umsetzung. Zur Kontrolle der Einhaltung sollte eine Instanz wie die in Finnland, Schweden und Schottland bestehenden Räte eingerichtet werden, die regelmäßig Berichte an die Öffentlichkeit formuliert.


Die Institutionalisierung der Architekturpolitik, insbesondere in Form interministerieller Gremien, aber auch analog zu den britischen Design Champions, den genannten Räten oder den niederländischen Stiftungen, ist Basis für eine langfristigere Entwicklung.
Ein wichtiger Schritt ist die Implementierung direkt auf der lokalen Ebene statt nur übergeordnet, wie etwa im Falle der Stiftung Architectuur Lokaal, der britischen Design Champions, der finnischen Regionalarchitekten, der französischen CAUE, der Gestaltungsbeiräte und der in die meisten Konzepte integrierten Architekturhäuser,wobei diese lokalen Instanzen gut vernetzt sein müssen. Zu dieser Ebene müssen auch die für jede erfolgreiche Architekturpolitik zentralen Vermittlungsinstrumente zählen, von der Schule bis zur Erwachsenenbildung und insbesondere mit zielgruppenspezifischer Ausrichtung, etwa für öffentliche AuftraggeberInnen oder Wohnbauträger (England).
Schließlich sollte die Förderung der Innovation in der Baukultur Teil jeder Architekturpolitik sein: von der Forschungsförderung bis zur breiten Anwendung von Wettbewerben und offenen Verfahren, die die optimale Nutzung auch junger Potenziale erlauben.


Ich danke Felicitas Konecny, Barbara Feller, Georg Pendl, Rob Docter und Graeme Stuart für die Unterstützung bei der Recherche zu diesem Beitrag. Etwaige Fehler und Ungenauigkeiten liegen in meiner Verantwortung und nicht in der meiner UnterstützerInnen.

 

Quellen

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Weitere Quellen waren die Websites der diversen zuständigen Institutionen, die hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden können.

 


http://www.baukulturreport.at/