Österreichischer Baukulturreport 2006



 

Die Verantwortung öffentlicher Auftraggeber: Bund

Der öffentliche Auftraggeber, insbesondere die Republik Österreich, trägt besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Er hat Vorbildfunktion und ist Sachwalter der BürgerInnen. Grundsätzlich müssen alle Bauvorhaben, die direkt oder indirekt mit öffentlichen Mitteln finanziert oder von öffentlichen Einrichtungen gemietet oder geleast werden, verbindlichen, die Baukultur sichernden Qualitätskriterien unterworfen werden. Nur durch ein lückenloses Eintreten für umfassende Qualität bei Bauten der öffentlichen Hand werden bei knapperen finanziellen Mitteln und zunehmenden Reglementierungen die Bedürfnisse der Bevölkerung in einer wertvollen Weise befriedigt werden können.


Wesentlich für die Qualität von Bauwerken ist die Verankerung und Einhaltung entsprechender qualitätsorientierter Prozesse. Dies beginnt bei der Bedarfsdefinition und der Erstellung eines ausgereiften Raumund Funktionsprogramms, geht über die Grundstückssuche mit Bindungsfreiheit von PlanerInnen und Baufirmen und beinhaltet eine professionelle Verfahrensorganisation. Bei der Umsetzung ist schon im Vorentwurf darauf zu achten, dass die in der Projektvorbereitungsphase erstellten betriebswirtschaftlichen Annahmen Deckung finden, da spätere Korrekturversuche nur mehr sehr kostenaufwändig möglich sind. Das Klima guter gemeinsamer Teamarbeit zwischen BauherrInnen und PlanerInnen ist eine der Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Projekt. BauherrInnenverantwortung kann nur dann wahrgenommen werden, wenn entweder BauherrInnen selbst über eine hohe fachliche Kompetenz und eine besondere Dialogfähigkeit mit PlanerInnen und Ausführenden verfügen, oder diese über die Beauftragung versierter ExpertInnen sichergestellt wird. Durch projektbegleitendes Controlling müssen ProjektleiterInnen rechtzeitig „out-of-line“-Situationen gemeldet und Lösungen für Problemsituationen erarbeitet werden. Prozessorientiertes Bauen endet nicht mit der Fertigstellung. Die Übergabe sollte sehr sorgfältig und auf die NutzerInnen abgestimmt erfolgen und diese langsam und gut informiert in ihren neuen Alltag entlassen.

Der Bund hat (ebenso wie Länder und Gemeinden) seine Vorbildfunktion im Hinblick auf Baukultur wahrzunehmen. Der Gesetzgeber muss die Möglichkeit nützen, die Vergabe von öffentlichen Mitteln für alle Bereiche des Bauens an qualitätssichernde Maßnahmen zu binden, auch für die ausgelagerten Unternehmen aller Ebenen (Bundesimmobiliengesellschaft – BIG, Autobahn- und Schnellstraßen-Finanzierungs- Aktiengesellschaft – ASFINAG, die Österreichischen Bundesbahnen – ÖBB, Landesgesellschaften zur Immobilienbewirtschaftung, Gemeindebetriebsgesellschaften, Energieunternehmungen, Krankenanstaltengesellschaften, Bauträger usw.). Wettbewerbe sind dabei eine bewährte Methode, das optimale Projekt zu finden. Notwendig ist dazu auch die symbolische Vorbildwirkung des Bundes durch Deklarationen, Manifeste und Initiativen sowie Vermittlungs- und Aufklärungsangebote.

Derzeit fehlt in Österreich eine bundesweite Regelung der Raumordnung. Nur durch eine grundsätzliche Reform der Raumordnungsgesetze, die auch eine Sozialbindung des Grundeigentums wie in der Bundesrepublik Deutschland vorsehen, ist eine nachhaltige und volkswirtschaftlich verträgliche Raumentwicklung möglich.

Es sollte die Position einer bzw. eines „Bundesbeauftragten für Baukultur“ geschaffen werden, die bzw. der nicht direkt in Politik und Verwaltung integriert ist, sondern unabhängig berät, vermittelt und sich an die Öffentlichkeit wendet, ähnlich dem aktuellen Kapitalmarktbeauftragten der Bundesregierung. Ein unabhängiger Sachverständigenrat, der den Fortschritt der Architekturpolitik beurteilt und Vorschläge dazu macht, ist notwendig. Diesem sollte ein österreichisches Kompetenznetzwerk Baukultur zugeordnet werden, das technische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte der österreichischen Baukultur erforscht.

Die Planungsqualität kommt im Falle der wirtschaftlichen Abhängigkeit der PlanerInnen von Bauausführenden zu kurz. Daher ist der Grundsatz der Trennung von Planung und Bauausführung gesetzlich abzusichern. Die so genannten Paketlösungen erzeugen Interessenkonflikte zwischen qualitätsorientierter Planung und gewinnorientierter Bauausführung und münden meist in ein Defizit für die Baukultur. Ein wesentlicher Beitrag zum Gelingen eines öffentlichen Bauvorhabens – und hier sollten auch Tiefbau, Verkehrsbau und Landschaftsplanung einbezogen werden – liegt in der BürgerInnenbeteiligung, und zwar bereits am Beginn der Planung.

Notwendig ist eine radikale Vereinfachung der das Bauen betreffenden Gesetze, Verordnungen und Normen. Alle Stilregelungen sollen aus den Bauvorschriften gestrichen werden.

In den Verwaltungseinheiten, die mit der Planung und Produktion von Bauten befasst sind, muss Gender- Kompetenz sowie ein Bewusstsein für barrierefreies Bauen durch Schulungen, externe ExpertInnen und entsprechende Besetzungen aufgebaut werden. Zu den genannten qualitätssichernden Maßnahmen bei der Vergabe öffentlicher Mittel müssen auch Gender-Qualitätskriterien und Kriterien der Barrierefreiheit zählen.

Die Verantwortung öffentlicher Auftraggeber: Länder und Gemeinden

In gleicher Weise wie der Bund müssen auch die Länder, Bezirke und Gemeinden ihre Vorbildfunktion in baukultureller Hinsicht offensiv wahrnehmen. Das wirksamste Mittel zur qualitativen Steuerung der Baukultur sind auf Ebene der Länder die Zuteilung der Wohnbauförderung und auf Ebene der Gemeinden die Bedarfszuweisungen.

Auch die Länder und Gemeinden sowie deren ausgelagerte Unternehmen müssen ihre Vorbildfunktion im Hinblick auf Baukultur wahrnehmen. Die Möglichkeit muss genützt werden, die Vergabe von öffentlichen Mitteln für alle Bereiche des Bauens an qualitätssichernde Maßnahmen zu binden. Dies gilt insbesondere für die Wohnbauförderung und die Bedarfszuweisungen an die Gemeinden.

Die Weiterentwicklung der Wohnbauförderungssysteme wird empfohlen und soll vom Bund im Rahmen der Finanzausgleichsverhandlungen bei den Ländern verankert werden. Der Wettbewerb zwischen den Bundesländern um die innovativsten Modelle soll angeregt werden. Die Wohnbauförderung muss reformiert werden im Hinblick auf die Forcierung von nachhaltigem Bauen (Lebenszykluskosten), von Standortbezogenheit (massive Reduktion des Flächenverbrauchs, Nachverdichtung), Bestandssanierung und höherer gestalterischer Qualität, insbesondere auch im Eigenheimbereich; sowohl durch Vorgaben als auch durch Beratungsangebote. Im großvolumigen Wohnbau sind Wettbewerbe oder Gutachterverfahren von den Bauträgern zu verlangen. Weiters sind baukulturell orientierte Vorgaben für den Sektor der gemeinnützigen Wohnbauträger vorzusehen.

Es wird die Implementierung stringenter räumlicher und organisatorischer Leitbilder für alle Gemeinden vorgeschlagen. Nötig sind Konzepte von hoher fachlicher Qualität, was die Fachkompetenz vieler Gemeinden übersteigt. Die Gemeinde- und damit BauherrenvertreterInnen bei Gemeinden von unter 500 bis ca. 2.500 EinwohnerInnen sind meist hauptberuflich anderweitig oder als Gemeindebedienstete tätig und häufig in Bezug auf Baukunde, Städtebau, Baukultur, Projektmanagement etc. nicht fachkundig. Dies ermöglicht oft eine „Baukultur“ der Häuselbauer, einen Wildwuchs mit Zersiedelungseffekt. Hier könnten die Förderungsstellen der Länder bzw. andere beratende Stellen unterstützend tätig werden. Weiters muss die Beratungsqualität für Gemeinden in allen baubezogenen Fragen durch Amtssachverständige und mit Planungsbefugnis ausgestattete Sachverständige verbessert werden. Die baukulturellen Entscheidungen auf Gemeindeebene sollten durch eine zumindest gutachterliche Stellungnahme auf Landesebene mit Pflicht zur Veröffentlichung ergänzt werden.

Die Umsetzung des breiten vorhandenen Wissens zur Baukultur wird nur durch die verbesserte Zusammenarbeit von Verwaltung, Interessenvertretungen und Studieneinrichtungen, durch das Zusammenspiel von Forschung, Planung und Praxis, durch Interessenabgleich und die Begegnung auf gleicher Ebene, insbesondere mit den Gemeinden, möglich sein.

Die Verpflichtung einer begleitenden Beratung durch externe und unabhängige Sachverständigengremien (Gestaltungsbeiräte) bei Entscheidungsfindungen betreffend raumordnerische, städtebauliche und architektonische Planungs- und Realisierungsvorhaben auf Gemeinde-, Bezirks- und Landesebene ist zu verankern. Für die Arbeit dieser Gremien sind Leitfäden zu formulieren. Wenn Kommissionen für Ortsbild- oder Altstadtschutz und Gestaltungsbeiräte parallel bestehen, sollten diese zusammengelegt werden.

Private AuftraggeberInnen

Auch wenn die Eingriffsmöglichkeiten von Seiten der Politik und der Verwaltung in Entscheidungen privater AuftraggeberInnen begrenzt sind, sollte versucht werden, diesbezüglich einige Steuerungsmaßnahmen zu initiieren.

Institutionen wie die Häuser der Architektur sollen Bauwilligen vermehrt vermitteln, dass sie Verantwortung für Baukultur tragen, und benötigen dafür zusätzliche Förderung. Best Practices dienen dabei als Vorbilder und sind zu erforschen und zu kommunizieren, Beratungsangebote für Bauwillige sollten ausgebaut werden.

Förderanreize für private AuftraggeberInnen im Hinblick auf die Forcierung nachhaltigen Bauens (Lebenszykluskosten), von Standortbezogenheit, Bestandssanierung, höherer gestalterischer Qualität, insbesondere auch im Eigenheimbereich, sowie interdisziplinäre Planungskultur und Prozess-Consulting sind zu schaffen (Wohnbauförderung, aber auch andere Bereiche).



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