Österreichischer Baukulturreport 2006



Wie passiert die Beratung und Entscheidungsfindung der BürgermeisterInnen?

Vorschläge zu einer nationalen, ressortübergreifenden Koordination zur Wahrung und Verankerung einer gesamtheitlichen Planungs- und Baukultur

Dietmar Steiner
Österreich hat 2.359 Gemeinden. Von verantwortlichen PolitikerInnen geführt, die immer auch ganz wesentliche und für die Entwicklung ihrer Orte nachhaltig wirksame Planungs- und Bauentscheidungen zu treffen haben. Niemand kann diesen PolitikerInnen unterstellen, dass sie an baukulturellen Fragen nicht interessiert seien. Sie werden in ihren Entscheidungen beraten. Von Beamten? Sachverständigen? Unabhängigen PlanerInnen? Gestaltungsbeiräten? Mit welcher Intensität geschieht dies, und welche Qualifikationen haben diese BeraterInnen? Welche Modelle werden in den verschiedenen Bundesländern und Gemeinden entwickelt und angewandt? Die Baukultur im ganzen Land kann nur dann verbessert werden, wenn eine qualifizierte Projektentwicklung und Projektbeurteilung vor allem auch durch die exekutierenden Gebietskörperschaften und PolitikerInnen erfolgt. Diese Prozesse müssen qualifiziert moderiert und begleitet werden.

Sind wir uns über den Begriff Baukultur einig? Denn wenn dieser koordiniert werden soll, dann sollte man fragen, wohin das führen wird bzw. führen kann. Baukultur wird gerne als „Prozesskultur“ umschrieben. Denn ein gestalthaftes Ergebnis will nicht vorherbestimmt sein, damit jederzeit dem Neuen und Unerwartetem, der kreativen Entwicklung Raum gegeben wird. Damit ist aber eine künftige und nicht die gegebene Baukultur gemeint. Und es sei unterstellt, dass damit einer Baukultur der ExpertInnenkultur der Architektur und Raumplanung zum Durchbruch verholfen werden soll.
 

Es wird wohl in diesem Report viele Definitionen von „Baukultur“ geben. Ich bevorzuge dafür keine ideologie- oder theoriebasierte, sondern eine der empathischessayistischen Anschauung. Denn diese kommt der tatsächlich allgemeinen Wahrnehmung der Umwelt am nächsten.

Dabei betrachte ich für diesen Baukulturreport zur Lage in Österreich nicht die Städte, die alle über eine jeweils eigene Identität verfügen, sondern die Alltagskultur des ruralen Raums.


Die Baukultur Norddeutschlands ist durch wohlaufgeräumte Dörfer mit sauberen Häusern in Sichtziegelmauerwerk geprägt. Selbst die Satellitenschüsseln sind in rotbraun gehalten, um die Harmonie nicht zu stören. Demgegenüber ist die heutige Baukultur des mediterranen Raums von einem chaotischen Wildwuchs geprägt. Man meint, die Absenz verbindlicher Regeln und behördlicher Vorschriften förmlich zu spüren. Im ländlichen Raum unserer Gegenden fällt auf, dass in Bayern oder Südtirol weitgehend kompakte Dorflandschaften existieren, dass für individualistische architektonische Experimente relativ wenig Raum und Möglichkeiten geboten werden.

Davon unterscheiden sich Österreich, aber auch Oberitalien und viele andere europäische Regionen, grundsätzlich. Hier scheint ein Mini-Amerikanismus des üblichen European urban sprawl zu herrschen, der seine wirtschaftliche Prosperität hemmungslos entlang von Entwickungsachsen weitgehend unkoordiniert realisiert. In Österreich sind dies nicht nur die Speckgürtel rund um die großen Landeshauptstädte. Es sind inzwischen auch die kleinen Bezirksstädte, deren Peripherie ein neues sub-urbanes Lebensgefühl erzeugt. Und es sind viele kleine Gemeinden im weiten Land, deren neue öffentliche Gebäude jede Baukultur vermissen lassen und in deren Weichbild sich eine neue „Baukultur“ der Häuslbauer mit hemmungsloser konsumistischer Gestalt realisiert hat.
Dass sich in diesem Wildwuchs auch isoliert eingestreute ambitionierte Einfamilienhäuser, Gewerbe- und Freizeitbauten aus dem innerarchitektonischen Kanon der Anerkennung finden, bestätigt zwar den international vermarktbaren Mythos der besonderen Kreativität individueller österreichischer Architektur, bleibt aber letztendlich doch nur Teil dieses zeitgemäßen und zeitgenössischen Chaos.

Baukultur ist das alles nach allgemeinem Verständnis nicht. Baukultur wäre eine geordnete Siedlungsentwicklung. Deftige dichte Dorfkörper, mit harter Kante zum freien ruralen Umfeld. Dieses abstrakte Bild vereinigt paradoxerweise konservative und progressive Bestrebungen. Alle sind gegen „Zersiedelung“, nur die nicht, die es tun. Jedenfalls treffen sich konservative und progressive Bestrebungen in der Forderung nach restriktiven Beschränkungen in der Siedlungsstruktur. Aber über das Bild dieser kleinstädtisch-dörflichen Idylle herrscht Uneinigkeit. Fordern einerseits die progressiven ArchitektInnen bedingungslose Gestaltfreiheit für ambitionierte Einzelobjekte, auch in verdichteter Bauweise, so fordert andererseits eine heute unausgesprochene, mehrheitsfähige Konvention der Beharrung eine Pflege der neu-regionalen Bauformen. Diese gehen in der Neuzeit zurück auf eine baukulturelle Bewegung aus den späten 1970er Jahren, als in einigen Provinzen Österreichs, Niederösterreich und Kärnten vor allem, wieder gestaltvorschreibende „Baufibeln“ für die richtige Gestaltung des Bauens im ruralen Raum auftauchten. Die „Baufibeln“ sind inzwischen wieder verschwunden, geblieben ist aber beispielsweise der Glaube, dass Niederösterreichs baukulturelle Identität durch das Krüppelwalmdach zu definieren sei. Im eigentlichen leitbildformulierenden alpinen Raum hingegen hat sich vor allem bei den Villen der Reichen eine opulent-heimelige Bauernhof-Kopie, gemischt mit barocken Villen-Elementen und einem Schuss US-Südstaatenromantik, etabliert. Und das dunkle Holz der 1960er und 1970er Jahre wurde durch helles ersetzt.

Was die „Baufibeln“ im Kern wollten, wird seit den 1980er Jahren durch die Bewegung und die Regeln des „New Urbanism“ professionell elaboriert und vollzogen. Sie verkörpern all das, was sich eine große Mehrheit als „Baukultur“ wünscht. Bebauungs-, Nutzungs- und Gestaltvorschriften für das harmonische kleine Dorf, das alle wünschen. Es bliebe also einzig die Frage, ob der „New Urbanism“ gegen den heutigen konsumistischen Individualismus durchsetzbar ist oder sein soll, und wenn ja, welche politischen Mechanismen dafür notwendig wären.

Es gibt also einerseits den hemmungslosen Individualismus, der Siedlungsentwicklung und Baukultur entlang lokaler ökonomischer und politischer Kräfteverhältnisse gewichtet und damit den European urban sprawl erzeugt, und andererseits restriktive Verordnungen, die eine harmonische Baukultur erzeugen könnten.

Beide Extreme sollen nur im Bewusstsein vorhanden sein, damit das, was „dazwischen“ geschehen kann, strukturell zu verstehen ist. Dazwischen liegt die österreichische Realität und die Frage, ob sich „Baukultur“, was auch immer darunter verstanden wird, auf einer repräsentativen politischen Ebene koordinieren oder steuern lässt.

1. Der Bund oder die „Moral des Staates“

Die zahnlose Raumordnung ist das zentrale Problem Österreichs. Nur durch eine grundsätzliche Reform der Raumordnungsgesetze, die auch eine Sozialbindung des Grundeigentums – wie in der BRD – vorsehen, ist eine nachhaltige und volkswirtschaftlich verträgliche Raumentwicklung möglich.
Ansonsten hat der Bund nur durch seine ausgegliederten Gesellschaften, wie BIG, ASFINAG, ÖBB etc., Wirkungsmöglichkeiten. Wobei aber zu prüfen ist, wie eine baukulturelle Verantwortung – Verfahren, Begutachtung, Vergabe, Kontrolle – gesetzlich oder vertraglich überbunden werden könnte.
Bislang nicht erfasst sind Umfang und Summe der Planungs- und Bautätigkeiten, die noch über direkte Steuerungen einzelner Ministerien erfolgen.


Notwendig ist aber auf jeden Fall die „symbolische“ Vorbildwirkung des Bundes, der durch Deklarationen, Manifeste und Initiativen sowie entsprechend unterstützte Vermittlungs- und Aufklärungsangebote die gesamtstaatliche Notwendigkeit einer baukulturellen Qualität einzufordern hat.

Ob darüber hinaus auch eine politische Funktion und Position für „Baukultur“ im Rahmen der Bundesregierung geschaffen werden soll, ist zu problematisieren. Die in der Diskussion immer wieder apostrophierte Rolle, die dem „Rijksbouwmeester“ in den Niederlanden vergleichbar ist, scheint mir heute aufgrund der gänzlich anderen politischen Kultur Österreichs nicht zielführend. Selbstverständlich kann auch nicht an eine Neuerschaffung eines „Bautenministeriums“ gedacht werden. Sind es doch gerade die Kommunikations- und Sprachprobleme zwischen Wirtschaft und Kultur, zwischen Bauwesen und Baukultur, die nicht einseitig auf die Kompetenz eines allein der Wirtschaft verpflichteten Bautenministeriums geladen werden dürfen.


Nachdem jede Regierungsbildung Zuständigkeiten und Positionen immer wieder neu bezeichnet und verteilt, sollten zumindest der Titel und die Zuständigkeit „Baukultur“ aufgrund der immensen volkswirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Bedeutung verankert werden. Ob als Staatssekretariat, ob als Abteilung in einem Ministerium, hängt von der jeweiligen Regierungskonstellation ab. Eine interessante Variante wäre z.B. ein Staatssekretariat für Tourismus, Denkmalpflege, Raumentwicklung und zeitgenössische Baukultur. Auch ein „Sachverständigenrat“ wäre eine denkbare Variante einer politisch wirksamen Bundeskompetenz.

Zu bedenken bleibt, dass „Baukultur“ auf jeden Fall eine klassische Querschnittsmaterie ist, die in praktisch allen gesamtstaatlichen Zuständigkeiten mitgehört werden muss.


2. Das Land oder die „Lenkungsmacht der Regionen“

Das nach derzeitigem Erkenntnisstand wirksamste Mittel zur qualitativen Steuerung der Baukultur ist, auf der Ebene der Länder, die Zuteilung der Wohnbauförderung. Hier ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft, die Vergabe von Wohnbauförderung an baukulturelle Kriterien zu binden.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Landesmittel, die den Gemeinden als Zuschüsse zu Bauvorhaben gegeben werden. Gemeindehäuser, Veranstaltungshallen, Volksschulen, Kindergärten, Freizeitanlagen, Güterwege etc. werden alle in Verantwortung der Gemeinden mit Landeszuschüssen errichtet. Alle diese Aufgaben und Investitionen können an baukulturelle Intentionen gebunden werden.
Die Methoden und Instrumente für beide Komplexe sind bekannt: Wettbewerbe, Gutachterverfahren, Beiräte, Projektsteuerungen ...


Die große offene Frage ist aber nach wie vor, welche Instrumente und Verfahren die Länder den einzelnen Bezirken und Gemeinden als Beratungspotenzial zur Verfügung stellen. Sachverständige? BezirksarchitektInnen?

3. Die Stadt oder die „Konkurrenz der Städte“

Ab einer gewissen Größe haben Städte und Gemeinden eigene Bau- oder Baurechtsabteilungen mit entsprechenden Fachleuten, die aber oftmals von politischen Interessen „overruled“ werden. Sehr häufig ist aufgrund der historischen Substanz von Österreichs Städten eine Kommission für Ortsbild- oder Altstadtschutz tätig. In den letzten Jahrzehnten haben sich, dem Beispiel Salzburgs folgend, auch Gestaltungsbeiräte etabliert, die nun oftmals in Konflikte mit den Kommissionen für Ortsbild- oder Altstadtschutz kommen.

Es ist deshalb dringend zu empfehlen, dass diese beiden Gremien, so sie existieren, zusammengelegt werden. Sie haben oftmals widerstreitende Ziele, obwohl beiden die Qualität der Baukultur ein Anliegen ist. Meist ist es einfacher, die Qualität des Alten gegen die mögliche Qualität des Neuen auszuspielen. Diese Doppelgleisigkeiten sollten in Zukunft vermieden werden, auch indem VertreterInnen des Denkmalamtes direkt in die Gestaltungsbeiräte einbezogen werden.

4. Die Gemeinde oder „Die Architektur der BürgermeisterInnen“

Was für die Entscheidungsmacht der Gemeinden und der BürgermeisterInnen für das Baugeschehen im Gemeindegebiet spricht, ist die demokratisch legitimierte direkte Verantwortung für den unmittelbaren Lebensraum. Jede Gemeinde schaut so aus, wie dies die politische Repräsentanz gestattet. Dadurch können engagierte BürgermeisterInnen sehr viele positive Effekte erzielen. Dagegen aber spricht die sozialräumliche Bedingtheit jeder baukulturellen Entscheidung auf dieser direkten Ebene. Es liegt auf der Hand, dass baukulturelle Entscheidungen auf Gemeindeebene immer von lokalen Bedrängnissen geprägt sind. (Nicht umsonst hat sich das Bundesdenkmalamt gegen eine „Verländerung“ ihrer Kompetenzen verwahrt, weil damit jede gutachterliche Letztentscheidung von lokalpolitischen Interessen beeinflusst gewesen wäre.) Deshalb sollten auf jeden Fall die baukulturellen Entscheidungen auf Gemeindeebene durch eine zumindest gutachterliche Stellungnahme auf Landesebene mit Pflicht zur Veröffentlichung ergänzt werden.

Jenseits der lokalpolitischen Bedrängnisse steht aber auf Gemeindeebene die Frage der fehlenden baukulturellen Sachkompetenz zur Debatte. Die BürgermeisterInnen brauchen Information, Aufklärung und Hilfe. Obwohl es oftmals entsprechende Informations- und Serviceangebote gibt, erreichen diese nicht die Ebene der lokalpolitischen Entscheidung.


Daran schließt sich die Frage: Wer berät mit welcher Qualifikation die BürgermeisterInnen und Gemeinden in baukulturellen Fragen? Erst wenn wir das flächendeckend und alle Länder betreffend wissen, können Verbesserungsvorschläge erarbeitet werden.


Schlussbemerkung

Immer noch, und der touristische Erfolg beweist dies tagtäglich, ist Österreich ein schönes Land. Ein Land oder eine Region ist aber in der landläufig medialen und touristischen Meinung nur aus zwei Gründen „schön“: wenn es wirtschaftlich rückständig ist, von Modernisierungsprozessen unberührt blieb und damit von Zeiten erzählt, an die sich heutige Menschen mit romantischer Sentimentalität erinnern wollen, oder wenn das Environment zu einem Event-Space der künstlichen Identität mutiert ist.  

Zwischen den ästhetisch anregenden Armutsgebieten und den inszenierten Welten liegt die alltägliche Realität und damit das Spielfeld der Wirkungsmöglichkeiten von Baukultur. Ein stetiges Pendeln zwischen dem Wildwuchs von Peripherien und Speckgürteln mit den individuellen Inseln baukünstlerischer Kreativität und dem Schutz und der Rekonstruktion des historischen Erbes in den Zentren.

Dieser ständige Diskurs wird niemals ein befriedigendes Ende finden, sondern immer ein Feld der Konflikte bleiben. Aber erste Schritte der Verbesserung können gesetzt werden. Wohin dieser Weg führt, wird aber offen bleiben.



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