Österreichischer Baukulturreport 2006



Verankerung des Prinzips Baukultur und BauherrInnenverantwortung

Barrierefreies Planen und Bauen

Bernhard Hruska
Aus der Sicht der Bedürfnisse des Menschen ist die Baukultur der letzten Jahrzehnte geprägt von einer Architektur, die Gebäude und NutzerInnen der „Maschinerie“ Bauwerk unterordnet. Der Mensch geht in seiner gesamten Bedeutung als Zielgruppe und als Maßstab zunehmend verloren. Für eine zukunftsorientierte Qualität von Baukultur muss „Design for all“, als demokratische Baugesinnung, den Menschen unter Berücksichtigung des natürlichen Lebenszyklus ins Zentrum stellen.
Generell reichen die bestehenden Gesetze und der Entwurf der OIB-Richtlinie nicht aus, um umfassend Barrierefreiheit zu gewährleisten. Vor allem ist, um Gleichstellung zu ermöglichen, eine neue OIB (Österreichisches Institut für Bautechnik)- Richtlinie für bestehende Einrichtungen zu schaffen. Übereinstimmung herrscht unter ExpertInnen! „Universal Design for all“ (barrierefreies Gestalten) ist ein zukunftsorientiertes Gestaltungsprinzip, das mit unwesentlichen Mehrkosten einen wesentlich höheren volkswirtschaftlichen Wert und einen bis zu 30% größeren Personenkreis erreicht.
Wird von AuftraggeberInnen oder BauherrInnen Barrierefreiheit bei Neu- und Umbauten nicht oder nur ansatzweise berücksichtigt, steigen die nachträglichen Kosten barrierefreier Adaptierungen um ein Vielfaches (meist mehr als 500%).
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Wird „Design for all“ in allen Phasen umfassend umgesetzt, erhöhen sich die Mehrkosten bei durchschnittlich großen Projekten um lediglich 1,8%, bei Großprojekten nur um 0,15% der Gesamtbaukosten (Studie der ETH-Zürich).2
Ein besonderer Aspekt ist die demografische Verteilung der Bevölkerung mit derzeit ca. 20% über 60-jährigen Personen. In dieser größten Gruppe sind zwei Drittel
3 der Menschen von körperlichen Beeinträchtigungen, Sinnesbehinderungen und chronischen Erkrankungen betroffen und in vielen Lebensbereichen behindert oder ausgeschlossen. Der Ausspruch der Selbstbestimmtleben- Bewegung „Architektur, die ich nicht nutzen kann, existiert für uns nicht!“ prägt vor allem den Kultur-, Wellness-, Tourismus-, Bildungs-, Sport-, Freizeitbereich, die Infrastruktur, aber auch die Arbeitswelt und das Wohnen. 
Bei öffentlichen Förderungen und in den Arbeitnehmerschutzbestimmungen für Neu- und Umbauten, vor allem bei Betriebsgrößen mit einer Einstellungspflicht behinderter MitarbeiterInnen, muss die Grundvoraussetzung die Einhaltung der baulichen Anforderungen der ÖNORM B1600 sein. Für bestehende Einrichtungen sind volkswirtschaftliche Anreize zu schaffen.
Die Nutzungsqualität von Bauwerken ist nur durch die gesetzlich verbindliche Einhaltung der ÖNORM B1600 zu erreichen.
Neben der Vielzahl an zukunftsweisenden Qualitätskriterien ermöglicht das „Design for all“ bundesweite Einsparungen und gleichzeitig vervielfacht sich der Wert an Baukultur. Falls nicht barrierefrei gebaut und ausgestattet wird, ist anstatt 0,15% Mehrkosten bei Großbauten mit geschätzten Sanierungskosten von bis zu 3,6% des Bauvolumens zu rechnen.
Durch die Folgen der demografischen Entwicklung sind in allen Konzepten über die Situation älterer Menschen gleichlautende bauliche Forderungen zu finden, am konkretesten durch die WHO (World Health Organisation) 1997. Aktuelle Zahlen lieferte die 1. Europäische Unfallkonferenz im Juni 2006 in Wien. Über 80% der Stürze erfolgten im Haushalt über 60-jähriger Menschen, die gesamten Folgekosten werden auf EUR 3,2 Mrd. jährlich geschätzt. Mehr als die Hälfte davon ist aus der Sicht von SicherheitsexpertInnen
4 neben Information durch Beseitigen von Hindernissen vermeidbar. Dem gegenüber ist der Adaptierungsbedarf für jährlich ca. 12.500 barrierefreie, altengerechte Wohnungen, mit gerundeten EUR 0,3 Mrd., das langfristig effizienteste Einsparungspotenzial.5

Abgesehen von der verbindlichen Einhaltung der baulichen Mindestmaßnahmen nach ÖNORM B1600 für die Wohnbauförderung (z.B. Steiermark), sind für Kleinhäuser ebenfalls Festlegungen über die normgerechte barrierefreie Gestaltung, zumindest der Erdgeschoße, zu treffen. Das Wohnen für alle Generationen kann mit einem Bonus für erhöhte Ausstattungsqualität, vor allem für BauherrInnen und Bauträger, sinnvolle Anreize bieten.
Bei Einrichtungen von Bund, Ländern und Gemeinden gibt es eine Vielzahl an Einzel- und Sonderlösungen, die Personal-, Assistenzaufwand und oft hohe Betriebs- und Erhaltungskosten (z.B. veraltete Aufzüge) verursachen. Für Altsubstanz ist die Umsetzung anhand von Gesamtkonzepten, für die sichere barrierefreie Nutzung, ökonomischer. Bereits bei Wettbewerben, Ausschreibungen und Aufträgen ist die Barrierefreiheit ev. im BVG zu verankern und zu kontrollieren.
Bei Adaptierungen denkmalgeschützter Kulturwerte ist das Ziel, den barrierefreien Eingang als Haupteingang für alle Personen aufzuwerten, im Denkmalschutzgesetz festzulegen.
Großer Mangel besteht derzeit an Fachkräften und TechnikerInnen mit Ausbildungen in barrierefreiem Gestalten. In Designberufen ist, in der Umsetzung der EU-Richtlinie aus 2003, verpflichtend in barrierefreiem Gestalten auszubilden. Daneben sind Aus- und Weiterbildungen, aber auch spezifische Technologiezentren, mit Schwerpunkt „Design for all“ eine Aufwertung für AbsolventInnen und Hochschulen.

 


Fußnoten

    1. Erfahrungsberichte des österreichischen Netzwerkes Barrierefrei.
    2. Schweizer Studie der ETH-Zürich: Hindernisfrei bauen – so teuer wie Baureinigung, Prof. Meyer-Meyerling 2003.
    3. Mikrozensusdaten 2003, dem europäischen Jahr behinderter Menschen. Statistik Austria.
    4. Zwischenevaluierung „wien sicher!“. Institut Sicher Leben 2005.
    5. Bestandsaufnahme und Analyse von spezifischen Angeboten zur „Wohnberatung“. Beratungs- und Dienstleistungsangebote für SeniorInnen in Österreich zur Unterstützung des selbstständigen Wohnens im Alter. Endbericht Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen, September 2001.


http://www.baukulturreport.at/