Vergabe- und Auslobungswesen

Ein wesentlicher Parameter für die Baukultur ist ein faires, qualitätsorientiertes und transparentes Vergabewesen. Nachweislich sind Architekturwettbewerbe am effizientesten, wenn sie als fundamentaler Prozess, in dem Menschen Wissen erwerben und mitteilen, begriffen werden. Die Treffsicherheit von Planungsvergaben kann gesteigert werden, wenn eine professionelle Verfahrensorganisation ebenso sichergestellt ist wie eine präzise Formulierung der Ziele eines Wettbewerbs. Weiters sollten die Angemessenheit des Verfahrens sichergestellt und Interessenkonflikte über die gebaute Umwelt im Vorfeld formaler Verfahren abgeklärt sein. Die Verhältnismäßigkeit (bzw. Marginalität) von Verfahrens- und Planungskosten zu den Baukosten bzw. Lebenszykluskosten eines Bauwerkes sprechen für das Nachhaltigkeitsprinzip. Der Architekturwettbewerb stellt somit einen außerordentlichen und höchsteffizienten Parameter am Beginn des geistig-schöpferischen Planungsprozesses dar.
Um geistig-schöpferischen (Dienst)Leistungen gerecht zu werden, ist eine Reform des Vergabewesens/Bundesvergabegesetz – BVergG im Bereich der gestaltprägenden Bauplanungen (also z.B. auch bei sichtbaren Verkehrs- und Infrastrukturbauten) durchzuführen.
Empfohlen wird, die Prinzipien der Angemessenheit und Kostenwahrheit der Verfahren, der Trennung – zumindest aber der Gleichstellung – von Planung und Bauausführung, der Priorisierung des Architekturwettbewerbes (vor Verhandlungsverfahren und Direktvergaben) und der Unabhängigkeit von PlanerInnen gegenüber Bauausführenden im Sinne einer Qualitätsorientierung in das BVergG aufzunehmen.
Im Rahmen des BVergG muss sich bei geistig-schöpferischen (Dienst)Leistungen der öffentliche Auftraggeber zum Qualitätswettbewerb und Bestbieterprinzip bekennen. Die Vergabe von geistig-schöpferischen Leistungen infolge eines Preisvergleiches (Billigstbieterprinzip) ist auszuschließen. Weiters sind bei den Zulassungskriterien zur Anbotsteilnahme durch die öffentliche Hand auch die bestehenden Markt- und KMU-Bürostrukturen der baukulturschaffenden Architektenschaft zu berücksichtigen.
Dem BVergG ist eine baukulturelle Deklaration voranzustellen, in der auch die Förderung von JungunternehmerInnen enthalten sein soll.

Im Zuge der Umsetzung der EU-Richtlinien für die Berufsanerkennung in nationales Recht muss sichergestellt werden, dass die hohe Qualität der in Österreich erbrachten Dienstleistungen auch im Hinblick auf den Konsumentenschutz erhalten bleibt.

Bei den Dienstleistungs-Richtlinien darf es zu keiner EU-weiten Nivellierung der Qualitätsstandards nach unten kommen.
Bei grenzüberschreitender Dienstleistungserbringung sind die österreichischen Qualitäts- und Sozialstandards einzuhalten.
Seitens der österreichischen Regierung ist darauf hinzuwirken, dass im endgültigen Text der Dienstleistungs- Richtlinie expressis verbis der Vorrang der Berufsanerkennungs-Richtlinie berücksichtigt wird.

Bildung und Ausbildung

Das Niveau der Baukultur ist wesentlich von Bildung und Ausbildung sowohl in den planenden als auch in den ausführenden Berufen des Bauwesens abhängig. Das Spektrum an Kompetenzen, das von PlanerInnen heute gefordert wird, geht über räumlich-ästhetische und funktionelle Aspekte weit hinaus und umfasst zunehmend ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Wirtschafts- und Rechtskompetenz, unternehmerisches Denken, Fremdsprachen und Soft Skills sind Elemente einer zeitgemäßen Ausbildung und müssen daher auch in den Lehrplänen der Ausbildungsinstitutionen verankert werden.

Eine besondere Dynamik erhält das Ausbildungssystem derzeit durch die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Bildungsraums im Bologna-Prozess (unter anderem durch die Einführung des Bachelor-/ Master-Systems) und durch die Autonomie der österreichischen Universitäten, wie sie durch das Universitätsgesetz 2002 eingeleitet wurde.
Um unter diesen neuen Bedingungen eine exzellente Ausbildung zu fördern, muss die öffentliche Hand ihre Interessen an einer hochstehenden Baukultur strategisch formulieren, über die Leistungsvereinbarungen mit den Bildungs- und Forschungsinstitutionen einfordern und entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellen.

Die Koordination dieser Anliegen könnte zum Aufgabenspektrum einer oder eines
Baukulturbeauftragten der Bundesregierung gehören.
Im Bereich des Baugewerbes ist das „duale System“, ergänzt um die Bauakademien, eine wesentliche Stärke des österreichischen Berufsausbildungssystems. Wichtig wäre es, bei der Ausbildung von FacharbeiterInnen ein grundsätzliches Bewusstsein für raumgestalterische Qualitäten zu schaffen. Umgekehrt müssten auch in der Architektur- und Ingenieurausbildung neue Wege gefunden werden, um den Aspekten der Ausführung besser Rechnung zu tragen.
Die berufsbegleitende Weiterbildung ist generell zu fördern und verpflichtend vorzusehen. Neben fokussierten Spezialangeboten sind auch fachübergreifende Angebote zu schaffen, um die effiziente Kooperation zwischen Disziplinen, aber auch zwischen Planung und Ausführung zu stärken. Bei der Umsetzung der Berufsanerkennungs- Richtlinie (2005/36/EG) in nationales Recht sollen bei entsprechender Spezialisierung auch die regionalen, praxisorientierten Ausbildungsangebote der Fachhochschulen Berücksichtigung finden.
Konkret sollen folgende Fördermaßnahmen getroffen werden:
  • Schaffung fairer Rahmenbedingungen zwischen Kunstuniversitäten, Technischen Universitäten und Fachhochschulen mit angemessener Ressourcenverteilung
  • Eine „Forschungsinitiative für das Bauwesen“, in die Universitäten, Fachhochschulen und die Wirtschaft einzubinden sind
  • Koordinationsfunktion durch eine/n „Baukulturbeauftragte/n“ auch für Aspekte der Bildung und Ausbildung
  • Aufbau und Stärkung eines Akkreditierungs- und Evaluationssystems
  • Förderung der berufsbegleitenden Weiterbildung

Berufssituation

Die berufliche Situation der Architektenschaft und der AbsolventInnen ist infolge des eingeschränkten Gestaltungs- bzw. Planungsmarktes prekär. Nur 60% der hochbaulichen Produktion Österreichs und nur ein Bruchteil der mit öffentlichen Mitteln geförderten Wohnbauten werden durch ArchitektInnen geplant bzw. mitgestaltet. Bei Tourismus-, Industrie-, Gewerbe- und Infrastrukturplanung ist der derzeit extrem geringe Anteil an profunder ArchitektInnenplanung durch Förderanreize zu steigern.

Obwohl die
Nachfrage nach Architekturleistungen steigt, existiert ein Überangebot an akademisch ausgebildeten Arbeitskräften und ArchitektInnen am Markt. Mehr als 50% der österreichischen ArchitektInnen verdienen weniger als EUR 21.000 jährlich. Lediglich 3% der österreichischen ArchitektInnen erreichen Jahresumsätze von EUR 1 Mio.

Für die AbsolventInnnen bedeutet dies vor allem in Grauzonen der (schein-)selbstständigen Erwerbstätigkeit arbeiten zu müssen, ebenso sind unsichere, kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, niedrige Einkommen, ungenügende soziale Absicherung sowie lange Arbeitszeiten im ArchitektInnenberuf vorherrschend.
Neben der Neustrukturierung von Sozialversicherungssystemen gegen das Risiko der Auftrags- bzw. Arbeitslosigkeit ist vor allem der Markt für Gestaltung im gesamten Bauwesen zu öffnen (Verpflichtung einer qualifizierten Planung beim Einsatz öffentlicher Mittel bei gestaltungsrelevanter Wirkung auf die Öffentlichkeit).
Österreich ist das einzige Land in der EU, das den AbsolventInnen beim Abschluss eines Architektur-Universitätsstudiums die Bezeichnung „Architekt“ verwehrt. Dies ist derzeit erst nach Ablegung einer Ziviltechnikerprüfung und Eintritt in die Architektenkammer möglich.
Der Berufszugang in Österreich ist daher an den EU-Level anzupassen – dies betrifft insbesondere die Ermöglichung legaler, wenn auch eingeschränkter Berufsausübung für AbsolventInnen der Studienrichtung Architektur.