Rahmenbedingungen für die Produktion von Baukultur

Hehre Absichten und innere Wirklichkeit

Utz Purr
Die Lissabon-Strategie der EU erfordert die Förderung von Wettbewerb, Innovation, Kenntnissen und Training aller Beteiligten, um eine weltweite Führungsposition der EU zu erreichen. Die guten Vorsätze können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter dem Titel „Liberalisierung“ oft nur das geschieht, was Jura Soyfer beschrieben hat als „Faust, Phrase und Geld – die drei erobern die Welt.“

Baukultur ist die Schaffung von Architektur als Umsetzung von Ideen durch Dienstleistungen. Die Methoden der Vergabe aller insgesamt dazu erforderlichen Aufgaben sind das Spiegelbild des Umfeldes und führen allzu oft nur zur Errichtung von Quadratmetern und Kubikmetern statt zu Architektur.

Der Zusammenhang von Kunst, Wissenschaft und praktischer Umsetzung von Planung, das Verständnis der Definition und des Was/Wer/Wie/Warum/Wozu von Baukultur auf Ebene der EU und der Mitgliedsländer hat sich höchst unterschiedlich entwickelt.

Tatsächlich erzielte Qualität gründet nicht direkt auf Regelungen der EU, die durch ihren Ansatz des Minimums, des kleinsten gemeinsamen Nenners, nur die Eliminierung von Blockaden erreichen können. Qualität entsteht vor Ort durch kreative Entwicklungen im Kontext der historisch entwickelten Rahmenbedingungen und durch den persönlichen Einsatz aller am Vergabeprozess Beteiligten.

Baukulturerklärungen auf Ebene der EU und der Mitgliedsländer, ihre Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit auf dem Wege von der Absichtserklärung zur Realität der Ergebnisse sind auch im Lichte dieser Unterschiede zu betrachten. Die tatsächlichen Erfolge sind überall da bescheiden, wo nicht das Gesamtfeld betrachtet wird.


ArchitektInnen ähneln einander international im Selbstverständnis und den grundsätzlichen Zielen. Die Unterschiede aber in dem, was sie darüber hinaus als ihre beruflichen Aufgaben verstehen, werden nur dem erkennbar, der über das Betrachten des äußeren Scheins von Bildern hinausgeht.

Die Entwicklung in Europa und die direkten und indirekten Auswirkungen der EU-Direktiven auf die unterschiedlichen Rechts- und Organisationslagen in europäischen Mitgliedsländern müssen daher in der Gesamtheit der Bauwirtschaft und aller Beteiligten betrachtet werden.
Architektur ist eine Sache, eine ganz andere sind aber Umfang und Inhalt der Dienstleistung genannten Umsetzung. Auch große Auffassungsunterschiede in den einzelnen Ländern selbst sind meist nur Varianten innerhalb des nationalen Umfeldes. Obwohl die EU internationale Harmonisierung deklariert, entsteht national unterschiedlich eine immer kompliziertere tägliche berufliche Realität.

Mangels Klärung dessen, was über Architekturtheorie hinaus Gegenstand der Leistungsdiskussionen ist, wirkt ArchitektInnenargumentation weltweit auf Außenstehende oft konfus. Genau diese Außenstehenden sind jedoch die Entscheidungsträger auf allen Ebenen, von den gesetzlichen Rahmenbedingungen über Auftragserteilungen bis zur Beurteilung durch die NutzerInnen.

Die unterschiedliche Rolle der ArchitektInnen in diesem Prozess muss erkannt und beurteilt werden, um Schlüsse zu erlauben, welche Maßnahmen in welchem Zusammenhang des gesamten Prozesses von Aufgabendefinition bis Nutzung zu Qualität und Baukultur führen.