Bildung und Ausbildung

Die Kunst der Lehre

Roland Gnaiger
Künstlerische Aspekte im Architekturschaffen sind Zusatzleistungen im Sinne eines Mehrwerts. Für InvestorInnen und NutzerInnen stehen die Finanzierbarkeit, die Einhaltung des Budget- und Zeitplanes sowie die Auswirkung auf die Lebensqualität im Vordergrund ihrer Wahrnehmungsebene. Diese Ebene haben ArchitektInnen zumeist nicht. Für sie stehen vor allem räumlich-ästhetische sowie funktionelle Aspekte im Vordergrund. In ihrem Selbstverständnis waren ArchitektInnen bislang entweder KünstlerInnen oder DienstleisterInnen. Eine zeitgemäße Architekturleistung muss jedoch beide Aspekte gleichermaßen abdecken. Schließlich geht es darum, Werte und Ziele nicht einseitig zu definieren, sondern eine gleichwertige Balance der einzelnen Elemente zu erreichen. Für die Ausbildung bedeutet das die Notwendigkeit, präzisere Ziele und bewusstere pädagogisch-didaktische Konzepte zu entwickeln. Die folgenden fünf Aspekte müssen im Rahmen der Ausbildung an künftige PlanerInnen vermittelt werden:

  1. Auseinandersetzung mit Themen und Zielen der Ausbildung. Es gilt, diese Aufgaben genau zu hinterfragen und auf das heutige Anforderungsprofil hin abzustimmen.
  2. Vermittlung eines profunden handwerklich-technischen Know-hows, um die Ziele auch tatsächlich umzusetzen. Es darf dabei zu keiner Spaltung zwischen Kunst und Technik kommen, bei der die Technik nur als dienende Disziplin gesehen wird.
  3. Künstlerischer Aspekt: An den österreichischen Universitäten ist der internationale Trend ablesbar, durch die Berufung von StararchitektInnen deren Genialität auf die Studierenden zu übertragen. Genialität ist aber nicht lehrbar. Man kann höchstens ein Sensorium für Proportionen, Farben, Raum etc. entwickeln und verfeinern. Die wesentlichen Paradigmenwechsel der Architektur sind durch technische Innovation entstanden (Erfindung des Betons, Glasqualitäten, Dämmtechnik usw.), die den Entwurf stark verändert haben. Konstruktive Optimierungen, neue Materialien, Verbundwerkstoffe und neue Produktionstechnologien haben die Entwicklung der Architektur wesentlich stärker beeinflusst bzw. weiterentwickelt als rein künstlerische Aspekte.
  4. Vernetzung, vernetztes Denken, das Wissen um Verbindungen und Abhängigkeiten sowie eine ganzheitliche Sichtweise müssen Ziele der universitären Ausbildung sein.
  5. Kommunikationsfähigkeit und Vermittlungskompetenz müssen geschult werden.


Forderungen an die Politik

  1. Die Architektur-Ausbildung ist nach den fünf genannten Aspekten neu auszurichten. Nur so können auch längerfristig das Berufsbild und das Selbstverständnis geändert werden.
  2. Architektur muss auch als Thema der Forschung und Wissenschaft wahrgenommen werden. Die genaue Vermessung von Gebäuden, Wärmeflüssen und bauphysikalischen Prozessen fördert beispielsweise intelligente, selbstreduzierende Systeme und ist somit ressourcenschonend.
  3. Nur politische Zielvorgaben bringen baukulturelle Standards. Die Politik hat zu definieren, welche Qualitätsstandards von den ArchitektInnen und PlanerInnen zu verlangen und zu erwarten sind.
  4. Alle Rechtsebenen müssen auf Innovationsfeindlichkeit durchforstet werden. So müssen etwa Investitionen zur Optimierung von Energiekosten für die InvestorInnen refinanzierbar werden. Dafür sind die mietrechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.
  5. Hinter erfolgreichen Projekten stehen immer engagierte BauherrInnen. Dasselbe Engagement ist auch von der Politik einzufordern: Architektur braucht EntscheidungsträgerInnen, die sich auch widrigen Rahmenbedingungen entgegenstellen.
  6. Die Qualitätssicherung muss von Anfang bis zum Ende des Bauprozesses sichergestellt sein, vor allem dann, wenn öffentliche Gelder eingesetzt werden.