Tourismus und Baukultur

Roland Gruber und Bibiane Hromas
Mit knapp 9% Anteil am BIP nimmt der Tourismus einen bedeutenden Stellenwert in der österreichischen Wirtschaft ein. Historisch wie gegenwärtig bestimmen Natur und Kulturangebote die touristische Landschaft. Der Städtetourismus ist Vorreiter im Kulturbereich, die ländlichen Gemeinden sind mit Programmen wie Klösterreich, Weinstraße, Käsestraße, Eisenstraße zunehmend in diesem Angebotssegment vertreten. Oft ist es gerade die Verbindung von naturräumlichen Gegebenheiten und einer daraus resultierenden historischen Kulturpraxis, woraus sich interessante Angebotsfacetten entwickeln. Speziell für den touristischen Bedarf entwickelte Bauwerke sind Möglichkeiten, die Haltung der GastgeberInnen gegenüber den Gästen, der eigenen Arbeit und der Kultur des Landes darzustellen.

Ein nicht zu unterschätzender Tourismusfaktor ist das Image einer Stadt oder Region vor allem für den immer stärkeren nationalen wie internationalen Wettbewerb der Standortbewerbung. Dies gilt für die Ansiedelung von Unternehmen und Institutionen ebenso wie für das Abhalten von Kongressen, Messen, Spezialevents für Sport, Mobilität, Kulinarik etc. Dieser Teil des Fremdenverkehrs spielt in der Tourismuswirtschaft eine immer wichtigere Rolle.

Für den Baukulturreport wurde aus dem großen Themenspektrum des Tourismus vor allem die Beziehung von TouristikerInnen zur Baukultur und zu den ArchitektInnen ausgewählt.

Touristische Baukultur in Österreich

Architektur- und Baukultur haben lange Lebenszyklen und sind in ihrer historischen Dimension sowohl identitätsstiftend als auch kulturelle Attraktion. Besondere Bauten erlangen Weltruhm und sind von unschätzbarem Wert für die Tourismusindustrie.Um die Attraktivität am internationalen Markt beizubehalten, muss die Palette an touristisch vermarktbaren Kulturgütern nicht nur erhalten, sondern durch die Kulturleistungen der Gegenwart verbreitert werden. Architektur und Baukultur liefern hierzu wesentliche Beiträge.

Generell kann Architektur im Tourismus in folgende Bereiche unterteilt werden:
Unterkünfte: Hotels, Pensionen, Appartements, Feriendörfer, Clubs
Touristische Einrichtungen:
Wellness, Sport, Kultur, Themenparks
Öffentlicher Raum: Ortsbild, Stadtbild, Platzgestaltung, Wege, Brücken

Genuss in Österreich

Verfeinerte Kulturtechniken werden ein immer beliebteres Freizeitthema. Deutlich wird dies z.B. am Thema Wein, wo Weinverkostungen und Winzerseminare in den letzten Jahren in Zusammenhang mit hochwertigen Neu- oder Umbauten österreichischer Weingüter zugenommen haben. Aber auch beim Thema Health und Wellness etabliert sich eine Vielzahl von Techniken zur Pflege von Körper und Geist, denen entsprechend anspruchsvoller Raum gegeben wird.Touristische Erwartungen bzw. Freizeitbeschäftigungen, die unter dem Begriff Lifestyle subsumiert werden, sind besonders stark location-orientiert und somit an ein anspruchsvolles Ambiente gebunden. Mit einer differenzierten Wahrnehmung diverser Kulturtechniken wächst auch die Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber Raum und Gestaltung.

Tourismuswirtschaft in Österreich

Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung des Tourismus ergibt für 2004 eine direkte Wertschöpfung von EUR 20,8 Mrd. und damit einen Anteil von 8,8% am BIP sowie einen direkten und indirekten Wertschöpfungseffekt (inklusive Freizeitkonsum der Inländer) der gesamten Tourismus- und Freizeitwirtschaft von EUR 38,5 Mrd., was einen Anteil von 16,3% am BIP ergibt (lt. Tourismus- Satellitenkonto – TSA). Die Pro-Kopf-Einnahmen aus dem internationalen Tourismus beliefen sich 2004 auf EUR 1.535, d.h. auf einen Marktanteil von 5,2% am europäischen Tourismus, gemessen an den Umsätzen. Die Tendenz geht zu Städtetourismus und kürzeren Reisen, d.h. die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der inländischen Gäste beträgt 3,4 Nächte, ausländische Reisende übernachten 4,4 Mal in Österreich.

Wirtschaftliche Lage der Hotellerie

Der Umbau in der Hotellerie zu qualitativ hochwertigem Angebot ist in Gang. Das geförderte Gesamtinvestitionsvolumen der Tourismusbank (ÖHT) belief sich auf EUR 596 Mio. (2004, lt. Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit – BMWA Lagebericht zu Tourismus und Freizeitwirtschaft). Davon flossen 85% in die Hotellerie, 10% in regionale Infrastruktur und weitere 5% in den Restaurantbereich. Im Detail:

Wie sehen TourismusexpertInnen die Baukultur

und den Umgang mit PlanerInnen?

Zwischen März und Juni 2006 wurden Interviews mit TourismusexpertInnen durchgeführt und die Antworten auf gemeinsame Fakten und Anschauungen untersucht. Der Hauptaspekt lag vor allem bei positiven Auswirkungen von Baukultur für den Tourismus, bzw. was sich verbessern müsste, damit dies erreicht wird. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Forderungen an die Politik. GesprächspartnerInnen in alphabetischer Reihenfolge ohne Titel:
Franz Hartl
, Geschäftsführer (GF) der österreichischen Hotel- und Tourismusbank GmbH (ÖHT),Wien
Manfred Kohl, Gründer und GF von Kohl&Partner – Tourismusberatung,Villach, Wien, Bozen
Susanne Kraus-Winkler, GF und Gesellschafterin der Loisium Hotel GmbH in Langenlois, Fachverbandsobfrau der Sparte Hotellerie der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) und der Bundessparte Freizeit Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), GF Kohl&Partner Wien
Thomas Moser, Lektor „Tourismus und Architektur“ am Universitätslehrgang Tourismusmanagement an der Johannes Kepler Universität Linz
Arthur Oberascher, GF Österreich Werbung (bis 31. 10. 2006)/Schriftliche Fragebeantwortung
Thomas Reisenzahn, GF der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV)
Petra Stolba, Leiterin der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der WKO (GF Österreich Werbung seit 01. 11. 2006)
Rudolf Tucek, Gründer und GF der Cube-Hotels und Vienna International Hotel
Elisabeth Udolf-Strobl, Leiterin der Sektion Tourismus und historische Objekte im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA)
Brigitte Weiss, GF Markenbüros Weiss – Markenentwicklung im Tourismus, ehem. Strategieentwicklerin der Österreich Werbung

Die Aussagen und Meinungen der befragten ExpertInnen werden im Folgenden namensneutral zusammengefasst.

Zur aktuellen Situation

In den letzten drei Jahren entstand mehr wertvolle zeitgemäße Architektur als in den 20 Jahren davor. Hervorgerufen haben diese Entwicklung zum einen Teil die Infrastrukturbauten und zum anderen die boomende Designhotelszene. Die ExpertInnen behaupten, Gäste haben zwar ein Gefühl für Design, d.h. für Ausstattung, aber nicht für Architektur, d.h. Raum. Es ist „schick“ geworden, anders zu sein. Architektur bzw. Design wurden für die Positionierung am Markt zu einem wichtigen Nischenthema.

In Österreich werden touristische Klein- und Mittelunternehmen (KMU) zunehmend von größeren Investoren abgelöst, die verstärkt in Architektur und Design investieren, weil sie für die Positionierung besondere Landmarks setzen wollen. Bei den KMUs hängt der Stellenwert der Architektur an den Personen – so z.B. ist Gerhard Nidetzky (Loisium) ein Kunstmäzen.

Der Tourismus verkauft heutzutage keine Zimmer, sondern Wohlfühlen und das Besondere. Die Gäste haben eine höhere Sensibilität für das Wohnen entwickelt worauf die Tourismusanbieter reagieren müssen.

Beim Thema Finanzierung sind TouristikerInnen aufgrund der fehlenden Eigenmittel und hohen Investitionen sehr sensibel. Generell müsste der Zimmerpreis verglichen zum Investment höher sein. Die derzeitigen Zimmerinvestitionen bei einem mit internationalen Standards vergleichbaren 4-Stern-Hotelprojekt betragen zwischen EUR 140.000 – 200.000, die Amortisierungszeiträume liegen bei 15 Jahren.


Im Zuge einer repräsentativen Gästebefragung wurden von T-MONA 2004/05 18.000 Österreich-UrlauberInnen nach ihren Gründen für den Österreich-Urlaub befragt. Dabei wurden nach der Landschaft (80%), der Ruhe (61%) sowie Spaziergängen (60%) mit 55% die Architektur bzw. das Ortsbild angeführt. Bei Städte- Reisenden stellt Baukultur den Hauptgrund dar. Wobei beim Ortsbild die historische Bausubstanz einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert einnimmt.

Österreich ist lt. Aussage der Österreich-Werbung um internationaleres Publikum bemüht. 70% der Gäste kommen lt. T-MONA Studie derzeit aus dem deutschsprachigen Raum. Für diese Internationalisierung ist die Architektur ein wichtiges Thema.

Kultur und Tourismus sind für drei Jahre ein Themenschwerpunkt des BMWA. Gemeinsam mit der WKO/WIFI und Vorarlberg Tourismus wurde eine Grundlagenstudie über den Zusammenhang zwischen Architektur und Wirtschaftlichkeit im Tourismus in Auftrag gegeben; diese wird von pla’tou durchgeführt.

Herausragende Beispiele

Im Westen Österreichs werden schon seit längerer Zeit qualitätvollere Projekte realisiert. Etwas zeitversetzt und noch etwas zögerlich beginnt nun auch im Osten von Österreich eine positive Entwicklung mit hoher baukultureller Qualität einzusetzen.

Die TourismusexpertInnen unterscheiden zwischen Neubau und Umbau, wobei der zeitgemäße Umgang mit historischer Substanz als sehr wichtig erachtet wird. Gute Projekte schaffen immer einen speziellen Bezug zum Kontext.

Die folgende Auflistung ist eine Auswahl der am häufigsten genannten Beispiele und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Hotels – Neubau

  • Loisium Hotel in Langenlois/NÖ (Architektur: Steven Holl/USA)
  • Cube Hotel in Tröpollach/Nassfeld/KTN (Architektur: Novaron Architekten/CH, Baumschlager & Eberle/A)
  • Hotel Penz in Innsbruck/T (Architektur: Dominique Perrault/F)
  • Hotel Carinzia in Tröpollach/Nassfeld/KTN (Architektur: Arkan Zeytino¤lu/A) Hotels – Um- und Zubau
  • Parkhotel in Hall/T (Architektur Neubau: Henke&Schreieck/A, Architektur Altbau: Lois Welzenbacher/A)
  • Hotel Post & Hotel Krone in Au/VBG (Architektur: Johannes und Oskar Leo Kaufmann/A)
  • Hotel Klinglhuber in Krems/NÖ (Architektur: Neururer&Neururer/A)
  • Hotel Das Triest/W (Architektur: Peter Lorenz/A)


Infrastruktur

  • Österreichische Winzerbauten, diverse PlanerInnen
  • Österreichische Seilbahnstationen, diverse PlanerInnen
  • Bergisel Sprungschanze inkl. Restaurant in Innsbruck/T (Architektur: Zaha Hadid/UK)
  • Hösshalle in Hinterstoder/OÖ (Architektur: Riepl Riepl Architektur/A) Innenraum
  • Hotel Aenea in Sekirn am Wörthersee/KTN (Architektur: Sabine Mescherowsky/D)
  • Hotel Le Meridien/W (Architektur: Real Studio/GB, CM Design/D)
  • StyleHotel/W (Architektur:MKV Design/GB)

Museen

  • Lentos/L (Architektur:Weber und Hofer/CH)
  • Kunsthaus Bregenz/VBG (Architektur: Peter Zumthor/CH)
  • Museum der Moderne Salzburg/SBG (Architektur: Friedrich, Hoff, Zwink/D)


Freizeittourismus

  • Golf-Clubhaus in St. Oswald/OÖ (Architektur: X-ArchitektInnen/A)
  • Schneggarei Schihütte in Lech/VBG (Architektur: Philip Lutz/A)
  • Hangar-7/SBG (Architektur: Volkmar Burgstaller/A)


Baukulturausbildung für TouristikerInnen

Derzeit gibt es leider keine Baukulturausbildung für TouristikerInnen. Die Ausbildung zum Tourismusexperten ist derzeit an Tourismusfachschulen, an Fachhochschulen, an der Unternehmerakademie der ÖHV und an den Universitäten in Linz, Wien und Innsbruck möglich. Das Thema Bauen wird über „Investitionen und Finanzierung“ oder „Markenbildung“ nur gestreift. An der Universität Linz gibt es eine architekturbezogene Vorlesung, jedoch mit sehr geringem Stundenausmaß. TouristikerInnen sind in vielen Fällen als BauherrInnen oder BauherrInnenberaterInnen tätig, weshalb eine Sensibilisierung in Bau- und Gestaltungsfragen notwendig wäre. Bei größeren Investoren sind TouristikerInnen als DienstleisterInnen beschäftigt. Auch hier wäre profundes Wissen beispielsweise über die Nachhaltigkeit von Gebäuden oder über zeitgemäße Gestaltungsqualitäten erforderlich.

Architektur, Gestaltung, Baurecht und Bauwirtschaft sollten für die Funktion des Touristikers als Auftraggeber für Bauvorhaben in den Lehrplan aufgenommen werden. Spezielle Seminarreihen zum Thema Bauen könnten in Zukunft für Investoren durchgeführt werden. Die ExpertInnen signalisieren in diesem Bereich eine große Bereitschaft für eine zukünftige Zusammenarbeit mit ArchitektInnen.

Vermittlung

Die Vermittlung hat sich in den letzten Jahren verbessert. Architektur im Sinn von Lifestyle ist in Tageszeitungen und Tourismusmedien präsent. Die einzige österreichische Zeitschrift für Baukultur und Tourismus heißt „hotel style“. Sie bedient jedoch nur das Segment der Hotellerie.

In Vorarlberg wurde die Architektur zu einem Markenimage und Tourismusfaktor mit speziellen Vermittlungsangeboten. Durch die hohe Substanz und die bewusste Konzentration auf die Stärke funktioniert diese Vermittlung. 60.000 BesucherInnen pro Jahr besuchen Vorarlberg aufgrund der Architektur.

Generell sollte die Aufmerksamkeit erhöht und Bewusstsein geschaffen werden. (PR-Aktivitäten, Preise, Events, Broschüren, Exkursionen etc.)

Als wichtige VermittlungspartnerInnen und Multiplikatoren sind die TourismusberaterInnen zu gewinnen, damit Baukultur z.B. bei Tourismuskongressen ein Thema wird.


Gremien und Beiräte

Die einzige Qualitätsbewertung in Österreich ist der Staatspreis für Architektur und Tourismus, der alle drei Jahre verliehen wird. Es gab Versuche, die Baukulturqualität von Tourismusprojekten quantifizierbar zu machen. Die Österreichische Tourismusbank (ÖHT) hatte bis 1995 Richtlinien für so genanntes „ästhetisch einwandfreies Bauen“, welche aber mangels Evaluierbarkeit fallen gelassen wurden und an deren Stelle der Staatspreis mitbegründet wurde.
Generell gibt es auf Seiten des Tourismus die Bereitschaft, mehr Baukulturkompetenz in Entscheidungsgremien einzubinden und unter anderem auch in kürzeren Abständen Best-Practise-Projekte, z.B. auf Länderebene, auszuzeichnen sowie die Erreichung von Qualitätsstandards an Förderungen zu binden.



Gestaltungsstandard im Tourismus

Es wird auf einem sehr niedrigen Niveau der Gestaltung im Tourismus aufgebaut, Gestaltungsstandards sind so gut wie keine bekannt. Es bestehen Standards in Bezug auf technischen Ausbau, Gewerberecht und für Kategorisierungen (Sterne); einzelne internationale Unternehmen (z.B. Hotelketten) haben eigene Standards wie Schalldichte, Raumhöhen etc. entwickelt.

In Österreich ist eine dringende Notwendigkeit vieler Regionen festzustellen, die Anzahl der „Qualitätsbetten“ und die damit in Zusammenhang stehende Qualität der räumlichen Angebote durch entsprechende Aktivitäten anzukurbeln. Einzelne Regionen entwickelten dafür spezielle Projektförderungen, um die Gestaltungsstandards der Wohnqualität zu erhöhen. Hier sind z.B. das Projekt „Romantikzimmer“ in der Steiermark, das Projekt „Zirbenzimmer“ in Kärnten, das Projekt „Genießerzimmer“ in Niederösterreich zu nennen. Diese Projekte richten sich vor allem an kleine und mittlere gewerbliche Beherbergungsbetriebe, PrivatzimmervermieterInnen sowie „Urlaub am Bauernhof“-AnbieterInnen. In einem
umfangreichen Kriterienkatalog sind neben einer Mindestgröße der Zimmer auch zahlreiche Ausstattungs- und Angebotsdetails festlegt, wie etwa die Verwendung regionstypischer Materialien für die Einrichtung. In Niederösterreich werden z.B. für die Adaptierung oder Neuerrichtung von Zimmern nach „Genießer- Zimmer-Kriterien“ Sonderförderungen von bis zu EUR 3.500,- pro Zimmer zusätzlich zur üblichen Förderung vergeben. Die Einhaltung der Kriterien für Genießerzimmer wird von der Wirtschaftskammer Niederösterreich, dem Landesverband für bäuerliche und Privatzimmervermietung sowie von der Niederösterreich- Werbung kontrolliert und mit einem Gütesiegel bestätigt. Auf diesem und ähnlichen Einzelbeispielen aufbauend, sollten österreichweite Initiativen initiiert werden.

Die Kooperation und Einbeziehung von unabhängigen PlanerInnen in der Beurteilung bzw. Fördervergabe sowie in der konkreten Zusammenarbeit bei der Realisierung sollte in Zukunft verstärkt werden.

Förderungen

Für Gestaltungsqualität gibt es keine spezielle Unterstützung. Aufgrund des Föderalismus ist das derzeitige Tourismusfördersystem sehr komplex. Neben Spezialförderungen in den einzelnen Bundesländern ist die österreichische Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) als Spezialbank die allgemeine öffentliche Stelle zur Investitionsförderung für Qualitätsverbesserung und Substanzerweiterung im Tourismus. Gefördert werden maximal 25% der immateriellen Kosten – dazu zählen Planungsleistungen wie Architektur, Heizung, Lüftung, das Marketing und die Preopening Kosten. Die Feasabilitystudie muss derzeit bei den Planungskosten sogar herausgenommen werden, um den Förderrichtlinien zu entsprechen.

Wenn der öffentlichen Hand die Baukultur ein Anliegen ist, dann gibt es hier eine ausgezeichnete Möglichkeit der Steuerung. In Zukunft sollten Planungskosten nicht aus der Förderbasis herausgerechnet werden müssen und die Planungsleistung besser gefördert werden, z.B. indem es TouristikerInnen möglich ist, sich mehrere Vorentwürfe von unterschiedlichen ArchitektInnen zur Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu leisten. Generell sollte eine Förderung der ÖHT an Baukulturqualität gekoppelt werden. Darüber hinaus sind unabhängige Planungsfachleute in den Prozess der Tourismusberatung und Fördervergabe beratend einzubinden.

Konflikte 

Es herrscht ein virulenter Mangel an Gesprächskultur zwischen ArchitektInnen und TouristikerInnen. Der Tourismus ist generell sehr schnelllebig und vielfach auf plakative Wirkung fokussiert, weshalb Architektur im Tourismus zu oft zur „Oberflächenveredelung“ degradiert wird. Viele TouristikerInnen verfolgen die Strategie, sich dem wandelnden Publikumsgeschmack anzupassen und setzen auf leicht austauschbare Oberflächen. Dabei wird eher mit DesignerInnen als mit ArchitektInnen gearbeitet. Jedoch werden ArchitektInnen für die Gestaltung verantwortlich gemacht.
Grundsätzlich werden drei Hauptängste in der Zusammenarbeit mit ArchitektInnen angegeben: Erstens, dass der Gast etwas „Moderneres“ nicht annimmt, da er „Raiffeisenbarock“ gewohnt ist. Zweitens das Thema Baukostenüberschreitung. Diese ist Konkursfall Nr. 1 im Tourismusgewerbe, und hier wird von Seiten der TourismusexpertInnen den ArchitektInnen mangelndes Kostenbewusstsein vorgeworfen. Drittens die höheren Bewirtschaftungskosten, die vielfach entstehen, da ArchitektInnen lt. ExpertInnenaussagen zuwenig die Erfahrungen der TouristikerInnen in die Planung einbinden. Als Beispiel wird hier der oft nicht wahrgenommene Unterschied zwischen einer Baumassen-Nutzungsstudie der ArchitektInnen und einer inhaltlichen Nutzungsstudie der produktentwickelnden touristischen BetreiberInnen, EntwicklerInnen oder UnternehmerInnen angeführt. Das eine sind die Baumasse und die architektonische Form und das andere ist das ertragsbringende, nachfrageerzeugende Produkt. Beides muss passen, oft wird aber in der Planung mangelns Kommunikation beides getrennt betrachtet. Dies führt sehr schnell zu einem Vertrauensbruch auf beiden Seiten.

Es gibt seitens der TouristikerInnen zum Teil massive Vorurteile gegenüber den ArchitektInnen: Zum einen, dass sich ArchitektInnen im Tourismus nicht auskennen und auskennen wollen und zuwenig auf die Wünsche der Auftraggeber eingehen. Weiters wird bemängelt, dass ArchitektInnen ihre Arbeit nicht professionell machen, indem keine ordentlichen Verträge abgeschlossen werden und dass TourismusberaterInnen aus Erfahrung zu den Kostenschätzungen von ArchitektInnen zwischen 50 und 100% hinzugeben, damit es zu keiner wesentlichen Kostenüberschreitung und den oben genannten Auswirkungen kommt. In diesem Bereich ist sicherlich ein Nachholbedarf in der ArchitektInnenausbildung zu orten (siehe Heft 6). Aus Erfahrung wird auch berichtet, dass die ArchitektInnen, die sich mehr mit dem Handwerk beschäftigen, bessere Arbeit leisten.

Weiters verursacht den TouristikerInnen auch der Umgang mit neun verschiedenen Bauordnungen in Österreich Schwierigkeiten; eine Harmonisierung wird gefordert (siehe auch Kapitel 5.5.).

Eine Konfliktlösung kann nur durch Bewusstseinsbildung und gegenseitige Wertschätzung durch gemeinsame Projekte gefunden werden sowie durch glaubwürdige Darstellungen, dass Projekte mit Baukultur im Tourismus nicht teurer sind und in vielen Fällen auch Funktionsoptimierung erreichen, das Wohlfühlen verstärken und das Image erhöhen.


Zukunftsaussichten

Österreich soll sich als Land mit der aufregendsten alpinen Architektur positionieren! Baukultur und Tourismus sind in Zukunft Partner mit dem Anspruch, sich gegenseitig zu fördern und zu Qualitätsleistungen herauszufordern. Die zunehmende Spezialisierung in allen Facetten bietet den ArchitektInnen eine Chance, ihr Können zu zeigen, und den TouristikerInnen, sich zu positionieren.
Die TourismusexpertInnen sind sich sicher, dass nach den MPreis-Filialen in Tirol und den Winzerbauten in Ostösterreich die Hoteliers als nächste an der Reihe sind und qualitätvolle, zeitgemäße Architektur als neuen Standard einführen. Die TourismusberaterInnen sind als Zielgruppe für die Vermittlung des Themas entscheidend und sollten verstärkt dafür gewonnen werden.

Forderungen an die Politik

1 Anreize durch Förderungen

Die Förderungen der Tourismusbank (ÖHT) an Baukulturqualität koppeln. Durchführungsbeispiele:
  • Unabhängige Architekturfachleute sollen verstärkt in den Prozess der Tourismusberatung und Fördervergabe eingebunden werden
  • Die Meinungsbildung des BauherrInnen unterstützen, indem z.B. mehrere Vorentwürfe von ArchitektInnen pro Investition gefördert werden

2 Wahrnehmung der BauherrInnenverantwortung

Architektur und Gestaltung, Baurecht und Bauwirtschaft in den Studienplänen der Tourismusausbildung verankern. Durchführungsbeispiele:
  • Lehrveranstaltungen (Seminare, Exkursionen) in den Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten
  • Seminare in privaten Ausbildungsstätten

3 Kontinuierliche Bewusstseinsbildung

Die TourismusberaterInnen als PartnerInnen für die baukulturelle Vermittlung gewinnen und gute Projekte regelmäßig prämieren – ein Staatspreis alle drei Jahre ist zu wenig! Durchführungsbeispiele:
  • Vergleichbar mit den österreichischen Holzbaupreisen in allen Bundesländern Baukultur-Tourismuspreise vergeben, diese Auszeichnung könnte – wie im Tourismus üblich – als Plakette den Betrieb kennzeichnen
  • Das Thema bei Tourismuskongressen auf die Tagesordnung setzen