Elemente einer gesamtheitlichen Baukultur

Ökonomische Nachhaltigkeit

Winfried Kallinger
Ökonomie und Kultur erscheinen nach landläufiger Ansicht beim Bauen nicht gerade Geschwister zu sein; zu sehr überlagern Kostenrechnung, Wirtschaftlichkeitsgebote, Renditeoptimierung, Nutzflächenmaximierung oder Best(Billigst)- Bieterprinzip den Wunsch nach Verwirklichung baukultureller Ansprüche.

Es wäre natürlich schön, wenn die mit ziemlicher Regelmäßigkeit aufgestellte Behauptung, dass gute Architektur nicht teurer sei als schlechte, tatsächlich richtig wäre. Sie ist es nicht oder jedenfalls nicht uneingeschränkt. Unter den ökonomischen Rahmenbedingungen des Zwanges zur Kostenminimierung bedeutet gute Architektur unweigerlich Verzicht auf das Ausreizen der Bebauungsmöglichkeiten bis zum letzten Quadratzentimeter, Investition von Volumen in räumliche Qualitäten und das Suchen nach neuen Lösungen und Inhalten, die nicht schon tausendmal erprobt sind. Das kostet in aller Regel einfach mehr Geld und bedeutet, ebenfalls in aller Regel, ein erhöhtes Risiko, nicht nur bautechnisch oder wirtschaftlich, sondern – und das ist oft die schwierigste Hürde in den Entscheidungsprozessen – am so genannten „Markt“, vor dessen Überforderung vielfach eine heillose Angst herrscht.

Diese Zwiespältigkeit herrscht nicht nur im öffentlichen Bereich, sondern auch im kommerziellen Bereich: Selbst dort, wo es um die Verwirklichung von „Lebensträumen“ geht, nämlich z.B. im kommerziellen Siedlungsbau, herrschen heutzutage Denkweisen, die eher manchen Preisschlacht-Kampagnen von Supermarktketten entsprechen. Eine Reise durch die „Speckgürtel“ rund um die Großstädte lohnt sich, um dieses Phänomen deutlich zu machen. Wer danach keinen Kulturschock erlitten hat, der/die hat wirklich starke Nerven. Kitsch, landschaftszerstörende Willkürlichkeit, Maßstablosigkeit und das sichtbare Versagen von Raumordnung und städtebaulichem Anspruch zeigen die Problematik überdeutlich, als hätte es nie einen Roland Rainer und andere Vordenker modernen Siedlungsbaus gegeben.


Es soll hier aber keine Klagerede gehalten werden, sondern der Punkt ist ein anderer:

Es ist ein fundamentaler Irrtum zu glauben, dass das Herumreiten auf Kosten beim Bauen schon den Erfolg ausmacht. Kosten sind nur die eine Seite der Medaille, die wesentlich wichtigere Seite ist der Wert. Der Wert ist eine Größe, die über die rein zahlenmäßige Summierung von Kostenbestandteilen hinaus als Ergebnis der Wertschätzung hervorkommt, die bestimmte MarktteilnehmerInnen bereit sind zu honorieren, wenn sie vor die Entscheidung gestellt werden, ihre Kosten für den Erwerb oder die Nutzung einer Immobilie zu akzeptieren oder nicht. Bei gleichen Kosten eines bestimmten Produktes werden sich die NutzerInnen für dasjenige entscheiden, welches ihnen den höheren Wert auf die Dauer der angestrebten Nutzung verspricht. Da Immobilien eine lange Nutzungsdauer haben und naturgemäß auch als langfristige Investition gesehen werden, ist der Wert einer Immobilie also nicht im Augenblick ihrer Fertigstellung oder ihrer Vermarktung, sondern eben über einen längeren Zeitraum, wenn nicht gar über ihren Lebenszyklus maßgeblich.

Ein ohne Gestaltungswillen, ohne letztlich kulturellen Anspruch realisiertes Bauvorhaben wird sich in seinem Wert sehr schnell „verbrauchen“, schneller jedenfalls, als es seiner technischen Nutzungsdauer entspricht. Bestes Beispiel dafür sind die Neubauten der 1970er und 1980er Jahre des vorigen Jahrhunderts, egal ob Wohn- oder Bürobauten, die zum großen Teil geradezu dramatische Wertverluste in Kauf nehmen mussten, die weder aus ihrer Lage noch aus ihrer technischen Qualität alleine begründbar sind. Als Begründung für diese Wertverluste bleibt nur mehr ihre Unattraktivität, ihre Gesichts- und Kulturlosigkeit.

Bauschaffende, die die Notwendigkeit einer langfristigen Werterhaltung von Bauten auf der Basis ihrer inneren Qualitäten nicht erkennen und nicht willens oder imstande sind, ein Mindestmaß an Bauethik und Baukultur in ihre Projekte zu integrieren, werden auf die Dauer am Markt nicht reüssieren – ihr ökonomisches Wirken wird genauso wenig nachhaltig sein wie die Werthaltigkeit ihrer Projekte.