Architekturvermittlung

Architekturvermittlung zur Stärkung eines breiten Bewusstseins für baukulturelle Qualitäten

Franziska Leeb

Die Bedeutung der Vermittlung von Architektur und Baukultur an eine breitere Öffentlichkeit hat innerhalb des letzten Jahrzehnts kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Mehr denn je sind ArchitektInnen gezwungen, ihre Konzepte auch für so genannte Laien verständlich zu kommunizieren. Die Berichterstattung über Architektur findet nicht mehr nur in den Fachmedien und auf den Kulturseiten statt, vielmehr werden baukulturelle Themen auf unterschiedlichem Niveau in Sonderstrecken und Beilagen in Tages- und Boulevardmedien behandelt oder als Skandalfälle auf den Chronikseiten zur Diskussion gestellt. Die mediale Präsenz bringt Architektur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und sensibilisiert die BürgerInnen für das Thema. Es ist ein hedonistisch motiviertes Interesse an Architektur und Design vorhanden, das ein Nicht-Fachpublikum für Veranstaltungen zu architektonischen Themen hervorbringt. Je mehr aber auch Qualitäts- und Kompetenzfragen über die Gestaltung des gebauten Umfeldes öffentlich verhandelt werden, desto größer wird das Bedürfnis der Menschen nach Mitspracherecht und Aufklärung. Bevölkerungsgruppen auf der Suche nach dem passenden architektonischen Konzept für ihr privates Wohnumfeld oder im Konflikt um die adäquate Nutzung des öffentlichen Raumes benötigen ebenso wie öffentliche oder gewerbliche BauherrInnen unabhängige Informationsstellen und Partner, die Fragen zu den Grundlagen der Architektur erklären können.

Architekturvermittlung findet an Schnittstellen zwischen allen an der Planung und Produktion von Architektur Beteiligten und der Öffentlichkeit in unterschiedlichen Formen statt. Fachvorträge und Ausstellungen, Führungen und Exkursionen, Symposien und Diskussionen, moderierte Planungsprozesse und Mediation, Architekturkritik in Printmedien und Architekturportale im Internet,
Weiterbildungsveranstaltungen für BauherrInnen, Workshops für SchülerInnen und LehrerInnen sind typische Aktivitäten, die unter dem Begriff „Architekturvermittlung“ versammelt sind. Architekturvermittlung sollte aber weder als Geschmackserziehung noch als Marketingmaßnahme zur besseren Auslastung der Architektur- und Planungsbüros oder als Lifestyle-Event verstanden werden. Architekturvermittlung hat den Ausgleich von Interessen und Ansichten zwischen allen AkteurInnen des Baugeschehens und den verschiedenen Nutzergruppen zum Ziel.

Architekturinitiativen in Österreich

Österreich verfügt heute über ein dichtes Netz an Institutionen und Initiativen, die sich der Vermittlung von Architektur und Baukultur widmen. Sie sind über das ganze Bundesgebiet verteilt und agieren im Großen und Ganzen aus ihrem institutionellen Selbstverständnis oder den regionalen Anforderungen heraus, pflegen aber informelle Kontakte und Kooperationen. Hauptakteur dieser Vernetzung ist die Architekturstiftung Österreich als gemeinsame Plattform von acht Architekturhäusern in den Bundesländern (Architektur Raum Burgenland, Kärntens Haus der Architektur-Napoleonstadel, ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, afo architekturforum oberösterreich, Initiative Architektur Salzburg, Haus der Architektur Graz, aut. architektur und tirol, vai Vorarlberger Architektur Institut, Österreichische Gesellschaft für Architektur und die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs). Die Stiftung und ihre Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, das Verständnis für Architektur in der Politik, in der Verwaltung und in der Öffentlichkeit mit ihrem kontinuierlichen, breit gefächerten Programm zu fördern. Das Angebot ist stark von den jeweiligen Ressourcen in finanzieller und räumlicher Hinsicht und den regionalen Bedingungen abhängig. In Landeshauptstädten mit universitären Architekturausbildungsstätten (Graz, Innsbruck, Linz) gelang es dank des vor Ort vorhandenen Fachpublikums relativ früh, die Häuser der Architektur als Anlaufstelle für alle Interessierten und als Dialogpartner für Politik und Verwaltung zu positionieren. Schwieriger gestaltete es sich in den ländlich geprägten Regionen, hörbar Stellung zu beziehen und wahrgenommen zu werden. Mittlerweile gelang es den Architekturzentren trotz der vorhandenen Seilschaften im Bauwesen und Vorbehalten gegenüber sämtlichen Faktoren, die eingefahrene Usancen stören könnten, als ernst zu nehmender Dialogpartner in allen Fragen der Baukultur jedenfalls akzeptiert zu werden. Als Schnittstelle zwischen Fachwelt, Öffentlichkeit und Politik sind die Architekturhäuser am Aufzeigen von baukulturellen Missständen ebenso maßgeblich beteiligt wie an der Diskussion über adäquate gesetzliche Rahmenbedingungen und Vergabemechanismen. Während die einzelnen Zentren über das Know-how in der Region verfügen, organisiert die Architekturstiftung vor allem alle überregionalen Aktivitäten, formuliert architekturpolitische Ziele und dient als Koordinations- und Auskunftsstelle für die Mitglieder des Netzwerks.

Sämtliche in der Architekturstiftung vereinten Initiativen arbeiten im Schnitt mit ein bis drei (teilzeit-) beschäftigten MitarbeiterInnen, gelegentlich externen KuratorInnen und Aushilfskräften und sind auf die ehrenamtliche Mitarbeit von Vereinsmitgliedern angewiesen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Das Gesamtbudget der Architekturstiftung und ihrer Mitglieder beträgt rund EUR 2,0 Mio. Davon werden ca. EUR 400.000 vom Bund subventioniert, ca. EUR 400.000 von den Ländern (wobei alleine Vorarlberg EUR 200.000 beisteuert!) und ca. EUR 100.000 von den Städten und Gemeinden. Der Rest wird über Sponsoring und Kooperationsprojekte, Unterstützungen der Architekten- und Ingenieurkammern, Mitgliedsbeiträge und Erträgen aus Veranstaltungen und Publikationen aufgebracht. Nicht zu vergessen die ehrenamtliche Arbeit, die in den Vorständen und von vielen Engagierten geleistet wird und den Betrieb erst ermöglicht.


Ergänzend zu den regionalen Architekturhäusern existieren etliche kleinere Vereine, die Architekturvermittlung auf lokaler Ebene oder spezialisiert auf ein Kernthema betreiben.
In Wien bietet der Verein architektur in progress (aip) seit fast zehn Jahren ArchitektInnen der jüngeren Generation ein Podium und organisiert Vorträge und Ausstellungen im Ausland (China, Kroatien, Frankreich, Mexiko), mit dem Ziel, die junge österreichische Szene auch international bekannt zu machen. Das kontinuierliche Vortragsprogramm im Inland wird ausschließlich durch Sponsorgelder finanziert.
In der Steiermark leistet baustelle land Architekturvermittlung im regionalen Kontext und wendet sich mit seinen Aktivitäten an AkteurInnen und EntscheidungsträgerInnen im Gemeindehochbau. Die Förderungen dafür kommen im Wesentlichen vom Land Steiermark.

Als Verein für Architektur und Kommunikation außerhalb von Ballungszentren widmet sich landluft vor allem in Ostösterreich mit seinen auf breit angelegter Kommunikation aufbauenden Projekten Problemen des Planens und Bauens am Land.
Die oberösterreichische Architekturreisegruppe 4fff – vier frauen fahren fort lädt vor allem ein Laienpublikum zu Themenfahrten, in deren Rahmen praxisnahe Fragen diskutiert werden und Qualitäten von Architektur am Original vermittelt werden. Als einziges Architekturmuseum mit eigener Dokumentations- und Forschungsabteilung, Fachbibliothek und Sammlung sowie täglichem Betrieb konnte sich in Österreich bislang nur das Architekturzentrum Wien (Az W) entwickeln und etablieren. Es deckt das hierzulande breiteste Spektrum an Veranstaltungsformaten ab und ist Österreichs wichtigster Knoten im internationalen Netzwerk der Architekturvermittlung. Auch das Az W muss einen höheren Anteil seines Jahresbudgets von insgesamt EUR 2,5 Mio. selbst aufbringen, als die Bundessubvention (EUR 360.000 gleichbleibend seit 1993) ausmacht. Den größten Anteil (EUR 1,4 Mio.) steuert die Stadt Wien bei.



Niederlande, Frankreich

In Europa können neben Österreich vor allem die Niederlande und Frankreich mit einem dichten Netzwerk an Einrichtungen zur Architekturvermittlung aufwarten. Neben dem Niederländischen Architekturinstitut in Rotterdam (Nai), einem der weltweit größten Architekturhäuser, existieren über die Niederlande verteilt rund 40 Architekturzentren unterschiedlicher Größe. Sie arbeiten grundsätzlich autonom und auf die Bedingungen und Bedürfnisse der Region abgestimmt. Als koordinierende Stelle des Netzwerks fungiert das Architectuur Lokaal in Amsterdam, eine Informationsbörse für private BauherrInnen, Großinvestoren oder Gemeindeverwaltungen und ein Diskussionsforum, das den Dialog mit den EntwerferInnen und PlanerInnen herstellt.

Gefördert werden die Zentren und viele andere Programme oder Einzelprojekte im Wesentlichen aus dem Budget der 1993 gegründeten Architekturstiftung Stimuleringsfonds voor architectuur, die von den Ministerien für Erziehung, Kultur und Wissenschaft, dem Bautenministerium, dem Landwirtschaftsministerium und dem Außenministerium finanziert wird. Unterstützung erhalten die Architekturzentren zudem von den jeweiligen Gemeinden, Tourismuszentralen, von Wohnbauvereinigungen, Projektentwicklern und der Bauindustrie.

Frankreich bekennt sich mit einer Reihe von Architekturinstitutionen zur Wichtigkeit der Reflexion der nationalen und internationalen Baukultur. Allein in Paris existieren mit dem Institut Français d’Architecture, dem Pavillon de l’Arsenal und der Galerie d’Architecture drei international bekannte Institutionen. Im Jahr 2007 wird mit der Cité de l’Architecture et du Patrimoine („Stadt der Architektur und des kulturellen Erbes“) das größte Architekturzentrum der Welt fertig gestellt sein, das sich der Baukultur ab dem 12. Jahrhundert bis heute widmet. Der Sammlung und Förderung experimenteller Architektur und Kunst ab 1950 widmet sich das FRAC Centre in Orléans, und in Bordeaux wird im Arc en Reˆve seit 1980 ein ambitioniertes Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm angeboten.


Potenziale und Probleme

Die architekturvermittelnden Institutionen leisten wesentliche Beiträge zur Förderung und Stärkung eines breiten Bewusstseins für baukulturelle Qualitäten. Längst richten sie sich nicht nur an ein szeneinternes Publikum: das Ansprechen einer „breiten Öffentlichkeit“ findet sich nicht nur in den jeweiligen Mission Statements, sondern wird gezielt mit entsprechenden Veranstaltungs- und Weiterbildungsformaten forciert. Kinderateliers, SchülerInnen- und LehrerInnen- Programme, Ausstellungen und Diskussionen für „Häuslbauer“ und Diskussionen auf kommunaler Ebene richten sich an all jene, die zu mündigen AuftraggeberInnen und NutzerInnen werden möchten. Um die Schwellen möglichst niedrig zu halten, werden zahlreiche Veranstaltungen wie Bauvisiten, Vorträge und Diskussionen kostenlos angeboten. Der Austausch mit anderen künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen wird ebenso gepflegt wie der Dialog mit der Bauindustrie. Die österreichischen Architekturhäuser haben sich zu Informations- und Kompetenzzentren für alle Fragen der Baukultur entwickelt. Im Zweijahresrhythmus hält die Architekturstiftung mit ihren Häusern gemeinsam mit der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten die Architekturtage als größte Architekturveranstaltung in ganz Österreich ab, die sich ganz besonders an das interessierte Laienpublikum wendet.
Informell sind die österreichischen Vermittlungsorganisationen gut vernetzt. In den vergangenen Jahren etablierte sich vor allem durch die Architekturtage oder die Plattform Architekturpolitik und Baukultur in Teilbereichen ein konstruktives Miteinander. Diese Netzwerke und Kooperationen wären noch ausbaufähig, wodurch Energien gebündelt werden könnten.
Jene Institutionen und Vereine, die in Österreich kontinuierlich Architekturvermittlung leisten (und nicht nur gelegentlich Festivals ausrichten), sind wichtige und in vielen Regionen die einzigen unabhängigen und unbürokratischen Anlaufstellen für architektonische und baukulturelle Fragen. Der wesentliche und oft effizienteste Part der Architekturvermittlung passiert von der Öffentlichkeit unbemerkt. Wenn die ProtagonistInnen der Architekturvereine den Dialog zu
PolitikerInnen und Behörden suchen, um zum Beispiel auf mangelnde Wettbewerbs- und Vergabekultur hinzuweisen und in interdisziplinären Roundtables und Workshops Lösungen erarbeiten, passiert dies meist ohne großes Aufsehen, hat aber auf die Baukultur einer Region größeren Einfluss als der prestigereiche Vortrag eines internationalen Stararchitekten.
Private BauherrInnen auf ArchitektInnensuche informieren sich in den Architekturhäusern ebenso wie Gemeinden, die Wettbewerbe ausloben wollen. Immer mehr geht es nicht mehr nur darum, für Architekturqualität zu sensibilisieren und positive Beispiele zu zeigen. Immer stärker werden Architekturvereine als Moderatoren und Mediatoren in Planungsprozessen nachgefragt. Bereits jetzt erbringen die Vereine diese Dienstleistungen oft unentgeltlich oder quasi als Gegenleistung für die Kulturförderung durch die öffentliche Hand. Angesichts der evidenten Qualitätsprobleme auf allen Ebenen des öffentlichen Planens und Bauens gibt es für alle Architekturinitiativen mehr zu tun, als sie mit ihren aktuellen Ressourcen zu leisten imstande sind.

Architekturvermittlung für Kinder und Jugendliche ist ebenso ein Feld, dessen sich die Architekturhäuser seit einigen Jahren annehmen. Obwohl Architektur Bestandteil der Lehrpläne ist, finden baukulturelle Themen im Schulunterricht kaum Beachtung. Workshops für LehrerInnen und ArchitektInnen und Projekte mit SchülerInnen finden daher großen Zulauf. Zusätzliche Finanzen dafür gibt es aber nicht.

Die Architekturhäuser laufen Gefahr, Aufgaben übertragen zu bekommen, die mit einem abgespeckten und auf Effizienz getrimmten Bildungs- und Behördenwesen von öffentlichen Einrichtungen nicht mehr geleistet werden können oder wollen. Werden die Architekturzentren aber gezwungen, ihre Budgets durch ein verstärktes, kostenpflichtiges Dienstleistungsangebot – z.B. im Bereich des Consulting – zu bestreiten oder mit Hilfe medienwirksamer und attraktiver Events für Großsponsoren aufzufetten, droht der Anspruch, einer breiten Öffentlichkeit als möglichst niederschwellige Informationsbörse zur Verfügung zu stehen, ins Hintertreffen zu gelangen.


Resümee

Die Architekturvermittlung in Österreich leistet im internationalen Vergleich viel, ist aber aufgrund der schlechten Dotierung am Limit ihrer Möglichkeiten. Um all die bereits in Ansätzen und Einzelfällen erfolgreichen Aktivitäten wie die Vermittlungsaktivitäten für KommunalpolitikerInnen, Projekte an Schulen oder den Dialog mit der Tourismusbranche breitenwirksam und auf höchstem Niveau weiterzuführen, fehlen die Mittel ebenso wie für eine bessere überregionale Vernetzung aller Akteure.
Dazu bedarf es allerdings zusätzlicher personeller und räumlicher Kapazitäten. Deshalb kann die weitere Professionalisierung der Architekturzentren und -initiativen nur sichergestellt werden, wenn öffentliche Förderungen nicht nur für Projekte und Programme, sondern auch für die zu einem kontinuierlichen Betrieb notwendigen Strukturen an die mit den Jahren gewachsene Leistung der Architekturinstitutionen angepasst werden.