Architekturvermittlung

Architektur/Baukultur und Umweltgestaltung für junge Menschen
Sehen lernen. Sprechen können. Mitentscheiden.

Barbara Feller
Wenn es darum geht, die Qualität der gestalteten Umwelt zu verbessern, wird mit großer Regelmäßigkeit die Vermittlung entsprechender Fähigkeiten an junge Menschen als wichtigste Aufgabe betont. Verbunden mit der Hoffnung, dass eine entsprechende Schulung die Menschen sehfähig, sprachfähig und damit entscheidungsfähig macht und zu einer mündigen Teilhabe an der Gesellschaft befähigt. Dass dies nicht nur eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist, sondern auch einen handfesten ökonomischen Background hat, belegt die Tatsache, dass das meiste „Lebensgeld“ (also die im Laufe eines Lebens erwirtschaftete Geldmenge) für Wohnen und Bauen ausgegeben wird.

Wenn es jedoch darum geht, für eine entsprechende Ausbildung zu sorgen, dann halten sich alle Akteure auffallend bedeckt. Von Seiten der öffentlichen Verwaltung – insbesondere dem für Bildung zuständigen Bundesministerium für Bildung, Wirtschaft und Kultur – BMBWK, den Stadt- und Landesschulräten, ebenso auch den für Kindergärten zuständigen Dienststellen, aber auch den einschlägigen Interessenvertretungen – gibt es wenig konkretes Interesse und auch kaum Finanzmittel für derartige Aktivitäten. Diese sind aber notwendig, um qualifiziert Modelle (weiter)zuentwickeln und eine breitere Implementierung zu ermöglichen.






 

Ziel der Architekturvermittlung muss es sein, die Menschen auf ihre Verantwortung gegenüber der gestalteten Umwelt vorzubereiten und aufzuzeigen, dass Raum Wirkung hat.

Denn jede/r wohnt, bewegt sich in gestalteten Räumen, und daher ist ein souveräner und bewusster Umgang mit dieser Umwelt ein wesentlicher Teil der Allgemeinbildung. Denn obwohl Architektur von allen Kunstformen den unmittelbarsten und unausweichlichsten Einfluss auf das tägliche Leben hat, gibt es nur wenige Menschen, die ihre Umwelt bewusst wahrnehmen. Und ebenso wenigen ist bewusst, dass die Gestaltung des Lebensraumes wesentlich zum Wohlbefinden des/der Einzelnen beiträgt und darüber hinaus ein zentraler Bestandteil der jeweiligen kulturellen Identität ist. Daher will das Erkennen von Architektur gelernt sein!

Ziel dieses Lernens ist nicht die kritiklose Übernahme von normierten ästhetischen Konzepten, sondern die Fähigkeit, Architektur in ihrer Vielfalt wahrnehmen zu können. Daher soll Architekturvermittlung auch kein Unterricht in Architektur sein, nicht das Ausbilden von „kleinen ArchitektInnen“, sondern primär das Wecken von Raumverständnis und das Aufzeigen der Gestaltbarkeit (und damit der Beeinflussbarkeit) von gebauter Umwelt. Das Verständnis für Architektur und Baukultur soll damit auf breiter Basis gestärkt werden und die Alltagsqualität von Architektur einem weiten Kreis bewusst werden. Insbesondere auch in der Ausbildung von (Fach-)ArbeiterInnen der Bauindustrie und des Baugewerbes gilt es, eine entsprechende Sensibilisierung zu erreichen – um durch gut ausgebildete und motivierte HandwerkerInnen Innovationen zu erleichtern. Ziel sind BürgerInnen, die von Häusern und Plätzen mehr fordern als die reine Zweckerfüllung und damit wiederum auch die Architekturschaffenden zu besseren Projekten anreizen.


Projekte und Initiativen in Österreich

In den letzten Jahren haben unterschiedliche Institutionen und Personen sehr interessante Initiativen im Bereich Architekturvermittlung für junge Menschen entwickelt und ausgebaut.
Dabei lassen sich grob zwei Zugänge unterscheiden – wobei es teilweise auch fließende Übergänge gibt:
a) außerhalb der Schule – zumeist in den Architekturhäusern
b) in der Schule bzw. im unmittelbaren Schulkontext und – leider noch sehr vereinzelt – in Kindergärten


Architekturvermittlung außerhalb der Schule

Viele Häuser der Architektur haben spezielle Architekturprogramme für junge Menschen als Teil ihres Leistungsangebotes.1 Dabei werden maßgeschneiderte Programme sowohl zu gerade aktuellen Veranstaltungen (meist Ausstellungen) entwickelt als auch thematische Programme zu ausgewählten Fachgebieten angeboten. Sehr breit ist das Angebot für Kinder und Jugendliche im Architekturzentrum Wien, spezielle Programme bietet kontinuierlich auch das aut. architektur und tirol an. Und auch in den anderen Häusern wird diese Schiene zunehmend wichtiger.

Architekturvermittlung in der Schule bzw. im unmittelbaren Schulkontext

Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ist ein wesentlicher Bildungsauftrag der Schulen (in allen Schulstufen und -typen). Die Lehrpläne spiegeln diesen Auftrag wider (siehe unten). Um die kulturelle Bildung speziell zu stärken und einen direkten Austausch mit KünstlerInnen zu ermöglichen, wurde vor ca. 30 Jahren der Österreichische Kulturservice gegründet, seit 2004:KulturKontakt Austria. Er fördert – auf unterschiedlichen Schienen – auch Projekte im Bereich Architektur und Umweltgestaltung.
Daneben gibt es – in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich strukturierte und unterschiedlich aktive – Initiativen, die entsprechende Projekte initiiert haben, durchführen und weiterentwickeln. Speziell zu erwähnen sind der Salzburger Verein Architektur – Technik + Schule (www.at-s.at) und die Initiative „Räume spüren – (be)greifen – bauen“ des Ziviltechnikerforums der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und Kärnten (www.aikammer.org).
2 Darüber hinaus gibt es auch andernorts meist kleinere Initiativen, die in diesem Bereich aktiv sind.

Projektreihe RaumGestalten

Diese Reihe, 1998 als Kooperation von Architekturstiftung Österreich und von KulturKontakt Austria (www.architekturstiftung.at, www.kulturkontakt.or.at) entstanden, die in der Zwischenzeit auch von der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland (www.arching.at) sowie Steiermark und Kärnten (www.aikammer.org) und dem Österreichischen Institut für Schul- und Sportstättenbau (www.oeiss.org) mit kleinen Beiträgen finanziell unterstützt wird, ermöglicht/e die Erarbeitung von Semesterprojekten in enger Kooperation von SchülerInnen, ArchitektInnen und LehrerInnen zu unterschiedlichen Aspekten von Architektur und Raumgestaltung.
Die Auswahl der Projekte erfolgt in Form eines Wettbewerbs, bei dem Projektkonzepte – für alle Schulstufen und Schultypen – eingereicht werden. Die inhaltliche und methodische Zugangsweise ist breit gestreut: Sinnliche Wahrnehmung, das Erkennen von Raumwirkungen am eigenen Körper und
lustvolles Experimentieren stehen dabei gleichberechtigt neben dem Erwerb von Kenntnissen und dem Kennenlernen unterschiedlicher Architekturen. Eine Fachjury wählt jene Projekte aus, deren Umsetzung finanziell und methodisch (mit gemeinsamen Start- und Abschlussworkshops) unterstützt wird. Die entsprechenden Ergebnisse sind jeweils in Broschüren dokumentiert, die kostenlos bei den ProjektpartnerInnen erhältlich sind.
Die Erfahrungen und Ergebnisse aus dieser Projektreihe, die insbesondere Projekte mit innovativem Ansatz fördert, fließen in kleinere Interventionen ein und befördern damit eine sowohl methodische als auch inhaltliche Weiterentwicklung der Architekturvermittlung für junge Menschen.
 

Allen Initiativen gemeinsam ist die Erkenntnis, dass die Kinder und Jugendlichen mit viel Begeisterung lernen,„dass Architektur mehr ist als Häuser zu bauen“,„Architektur nicht so simpel ist, sondern eine unendliche Vielfalt in sich birgt“,„dass Architektur uns alle angeht“ und „dass Architektur Spaß macht“.

Architektur und Baukultur in den Lehrplänen

Fragen von Architektur und Raum finden sich in vielen Lehrplänen – oft allerdings nur fakultativ. Am intensivsten sind Themen rund um Architektur und Raum in den Lehrplänen für Technisches Werken (Werkerziehung) und Bildnerische Erziehung zu finden. Damit erfolgt eine – wenig sinnvolle – Fokussierung auf technische und ästhetische Aspekte. Denn Architektur ist eine Querschnittsmaterie, wo sich Technik, Ästhetik, Wissenschaft, Mathematik, Geschichte sowie soziale und kulturelle Einflüsse mischen. Daher eignet sie sich insbesondere für den fächerübergreifenden Projektunterricht. Dazu werden etwa in den Lehrplänen der skandinavischen Länder, aber auch in der Schweiz und in Deutschland wesentlich konkretere Kombinationsmöglichkeiten angesprochen als in Österreich.
Speziell in den Lehrplänen der Volksschule werden architektonische Themen – wenn auch kaum explizit – angeführt. Dort ist die Umsetzung, durch den gesamtheitlichen Unterricht in der Praxis, auch leichter möglich als in höheren Schulen mit ihrer oftmals sehr rigiden Einteilung in die unterschiedlichen Unterrichtsfächer.
Im Volksschullehrplan heißt es:„Der Sachunterricht soll den Schüler befähigen, seine unmittelbare und mittelbare Lebenswirklichkeit zu erschließen.“
3 Im „Erfahrungs- und Lehrbereich Raum“ soll der Unterricht „das bewusste Orientieren in der unmittelbaren Umgebung des Schülers fördern und erste Orientierungspunkte vermitteln“. Ebenso „werden exemplarische Einsichten in das Beziehungsgefüge von Mensch und Landschaft (...) und einfache fachspezifische Techniken erworben“. Dies soll den Schüler befähigen „die Landschaft in ihrer Bedeutung als Wohn-, Wirtschafts- und Kulturraum zu erkennen.“
Die Bildnerische Erziehung „soll den Schüler die eigene Wandlungsfähigkeit und die Veränderbarkeit der Umwelt erfahren lassen und ihm Möglichkeiten demokratischen Handelns eröffnen“.
4 Und in der Werkerziehung sollen schließlich „grundlegende Einsichten in den Bereichen Bauen – Wohnen, Technik und Produktgestaltung (...) gewonnen werden“.5

Ähnliche Formulierungen finden sich auch in den Lehrplänen für die anderen Schulstufen und Schultypen. Damit liegen die Defizite primär nicht bei den Lehrplänen, die eine Beschäftigung mit entsprechenden Themen durchaus ermöglichen. Die Chance auf Umsetzung wird jedoch in der schulischen Realität zu selten genutzt, weil sich die LehrerInnen oftmals über das Thema „nicht drüber trauen“. Daher muss in der LehrerInnenaus- und -fortbildung angesetzt werden, um die Hemmschwellen für die Beschäftigung mit entsprechenden Projekten zu senken.

Perspektiven und Potenziale

Im europäischen Vergleich gibt es in Österreich recht erfreuliche Entwicklungen, wenn auch andere Länder – etwa Finnland, wo im Jahr 2000 52% der Kinder im Pflichtunterricht, zudem etwa 43% freiwillig eine „Architekturerziehung“ erhielten – weit vorne liegen.6

Vernetzung

Die positiven Entwicklungen hierorts gilt es zu stärken und besser für alle Interessierten zugänglich zu machen. Insbesondere bei den Aktivitäten in den Schulen bzw. im unmittelbaren Schulkontext geht es darum, aus der Pilotprojekt-Phase in den „Regelbetrieb“ zu kommen. Momentan sind die Initiativen noch immer sehr vereinzelt und das Wissen voneinander ist zu gering. Eine bessere Vernetzung ist dringend erforderlich, um das gesammelte Knowhow einander zugänglich zu machen. Dies muss in einem gleichberechtigten Dialog von ExpertInnen aus den Bereichen Architektur und Pädagogik geschehen, um beiden Seiten die Chance für das Einbringen ihrer spezifischen Sichtweise zu ermöglichen. Dazu könnte in einem ersten Schritt eine Internet-Plattform dienen, auf der die Ergebnisse gesammelt und damit einem breiteren Kreis zugänglich werden.7  

LehrerInnenaus- und -fortbildung

Wie oben ausgeführt, bieten die Lehrpläne genügend Spielraum, um Fragen von Architektur/Baukultur/Umweltgestaltung im Unterricht zu behandeln. Das „Nadelöhr“ sind vielfach die LehrerInnen, die sich zu wenig sicher fühlen. Daher müssen entsprechende Angebote viel stärker im Rahmen der LehrerInnenaus und -fortbildung forciert werden und eine große Bedeutung erhalten. Dazu ist der Kontakt mit den Pädagogischen Hochschulen und Pädagogischen Instituten erforderlich, um diese Themen dort zu platzieren und das Interesse zu wecken.

Lehr- und Lernmaterialien

Lehr- und Lernmaterialien müssen entwickelt und im Schulunterricht erprobt und eingesetzt werden. Eine Möglichkeit wäre die Ausarbeitung von vordefinierten Modulen sowie von maßgeschneiderten Packages. Diese gibt es bereits für zahlreiche Themen, etwa im Bereich Gesundheit (z.B. Suchtprävention, Sexualkunde, Ernährung) oder im Themenfeld Kommunikation und Soziales (z.B. Gewaltprävention, Konfliktlösung, Integration). Dabei werden die entsprechenden Themen – in enger Zusammenarbeit von externen ExpertInnen und LehrerInnen, oftmals auch unter Einbeziehung der Eltern – in Workshops, Führungen, Vorträgen (in und außerhalb der Schule) und ergänzt durch eigens erstellte Arbeitsmaterialien aufbereitet. Finanziert werden diese Angebote durch Kostenbeiträge der Schulen sowie durch Förderungen von öffentlichen Stellen und von Interessenvertretungen. Teilweise sind auch Firmen (mit einschlägigen Interessen, z.B. Pharmaindustrie, Ernährungsbranche) Geldgeber.

Außerschulische Aktivitäten

Für den Bereich der außerschulischen Aktivitäten bedarf es für die Architekturhäuser, die durchwegs am Thema Architekturvermittlung für Kinder und Jugendliche interessiert sind, einer gesonderten Finanzierung, um dieses Angebot ermöglichen und ausweiten zu können.

Ausbildung der ArchitektInnen und anderer FachplanerInnen

Das Sprechen über die eigene Arbeit muss in Zukunft viel stärker zu den grundlegenden Fähigkeiten der „Architektur-ExpertInnen“ gehören. Die Vermittlung von fachspezifischem Wissen an die NutzerInnen muss dazu als ebenso wichtiger Teil der alltäglichen Praxis verstanden werden wie das Entwerfen und die anderen Aufgaben der planerischen Tätigkeit. Die Perspektive der NutzerInnen – auf den unterschiedlichen Ebenen von BewohnerInnen über MitarbeiterInnen bis zu den Verantwortlichen in den öffentlichen Dienststellen – muss in der täglichen Arbeit einen höheren Stellenwert bekommen. Grundlegende Fähigkeiten, um das eigene Tun an Laien zu kommunizieren, müssen ein Teil des Berufsprofils werden und daher auch in der Architektur-Ausbildung viel stärker berücksichtigt werden. Für komplexe Aufgaben (etwa große städtebauliche und/ oder architektonische Projekte oder Interventionen in sensiblen Bereichen) müssen verstärkt KommunikationsexpertInnen in die Prozesse eingebunden werden. Für all diese Aktivitäten bedarf es der Unterstützung durch die öffentliche Hand. Speziell in dem für die Schulen zuständigen BMBWK muss ein besseres Verständnis für Fragen der Architekturvermittlung entstehen. Eine substanzielle Verbesserung kann nur im Zusammenwirken aller an der Thematik Interessierten entstehen.

Ziel

Langfristiges Ziel muss es sein, dass jede/r zumindest einmal in der Ausbildung mit Aspekten von Architektur und Umweltgestaltung in Berührung kommt. Anzustreben ist eine mehrmalige – jeweils altersadäquate – Auseinandersetzung. Ein Weg für eine bessere Zukunft könnte eine „Akademie für Architekturvermittlung“ sein, wo alles fachspezifische Wissen gebündelt und der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Fußnoten

  1. Siehe dazu auch Kapitel 3.5.
  2. Siehe dazu die Statements im Anschluss.
  3. Lehrplan der Volksschule, Siebenter Teil, Bildungs- und Lehraufgaben sowie Lehrstoff und didaktische Grundsätze der Pflichtgegenstände der Grundschule und der Volksschuloberstufe, Grundschule – Sachunterricht, Stand: Juni 2003, auf: www.bmbwk.gv.at/medien/3999_VS7T_Sachunterricht.pdf
  4. Lehrplan der Volksschule, Siebenter Teil, Bildungs- und Lehraufgaben sowie Lehrstoff und didaktische Grundsätze der Pflichtgegenstände der Grundschule und der Volksschuloberstufe, Grundschule –Bildnerische Erziehung, Stand: Juni 2003, auf: www.bmbwk.gv.at/medien/
  5. Lehrplan der Volksschule, Siebenter Teil, Bildungs- und Lehraufgaben sowie Lehrstoff und didaktische Grundsätze der Pflichtgegenstände der Grundschule und der Volksschuloberstufe, Grundschule – Werkerziehung, Stand: Juni 2003, auf: www.bmbwk.gv.at/medien/
  6. Zitiert nach: Gert Kähler: Architektur in den Schulunterricht? Undbedingt! Aber richtig!, in: architektur.in.der.schule. transform 2 r.a.u.m. Ein Pilotprojekt der Bayerischen Architektenkammer, des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultur und des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und Technologie in Zusammenarbeit mit der Bayern Design GmbH, München 2001 – 2003, S. 16.
  7. Siehe dazu auch den Beitrag von Riklef Rambow (Kapitel 3.7)