Editorial: Der Österreichische Baukulturreport 2006

Hartwig Chromy und Volker Dienst

Wie es zum Baukulturreport 2006 kam: Ziele und Ausrichtung

Am 30.3.2004 fand im Plenarsaal des Österreichischen Nationalrates eine eintägige parlamentarische Enquete-Kommission zum Thema „Architekturpolitik und Baukultur in Österreich“ statt. Unter Einbindung namhafter ExpertInnen aus Österreich, aber auch aus dem EU-Raum wurde im Nationalrat ein Diskussionsprozess mit dem Ziel gestartet, verbesserte Rahmenbedingungen für eine zeitgenössische Bau- und Planungskultur sowie Grundlagen für eine umfassende und ressort- bzw. zuständigkeitsübergreifende Architekturpolitik zur Sicherung der Lebensqualität in Österreich zu schaffen.

Als Ergebnis dieser Enquete wurde am 2.3.2005 die Entschließung Nr. 91/E (XXII GP) von allen im Nationalrat vertretenen Parteien einstimmig verabschiedet. Darin heißt es:


Architektur ist gestaltete Umwelt und hat große Bedeutung für unsere Gesellschaft. Architektur schafft, definiert und prägt die Lebensräume der Menschen und deren Beziehung untereinander. Sie ist daher ein bestimmender Faktor für unsere Lebensqualität und ein wichtiger kultureller Faktor. Darüber hinaus liefert Architektur als Teil der Kreativwirtschaft auch wichtige wirtschaftliche Impulse für zahlreiche Branchen.

Baukultur betrifft alle: ArchitektInnen, IngenieurInnen und StadtplanerInnen, BauherrInnen und BürgerInnen. Die Qualität der Baukultur ist mehr als die Erscheinungsform eines Bauwerkes, sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von dessen Nutzbarkeit, Wirtschaftlichkeit, von seiner Nachhaltigkeit im ökologischen, sozialen und ökonomischen Sinne sowie aus objektiv nachvollziehbaren Verfahrensabläufen.

Dem Bund und anderen Gebietskörperschaften kommt für die Entwicklung und den Stellenwert der Baukultur besondere Verantwortung zu. Diese bezieht sich auf alle Orte und Räume der Arbeit, des Wohnens, der Bildung und Erholung, auf die Verkehrsinfrastruktur, die Stadt- und Landschaftsräume bis hin zur koordinierten Entwicklung der Regionen.

Eine fundiert konzipierte, ressortübergreifend angelegte, engagierte Architekturpolitik ist von hohem kulturellem, politischem und wirtschaftlichem Interesse. Das Ziel dieser Politik sollte es sein

  • in der Bevölkerung eine hohe Wertschätzung für eine gut gebaute Umwelt und damit auch Unterstützung für qualitätvolles Planen und Bauen zu erreichen
  • die besondere Verantwortung der BauherrInnen und EigentümerInnen zu verdeutlichen
  • Österreichs Position im internationalen Wettbewerb zu stärken
  • das kulturelle Erbe zu pflegen und Ressourcen im Baubestand zu nutzen
  • das Bewusstsein für die Bedeutung zeitgenössischer Architektur und Baukultur zu stärken
  • einen hohen und damit zukunftsgerechten Leistungsstand unseres Planungs- und Bauwesens sicherzustellen.

Der Nationalrat hat beschlossen

  1. Die Bundesregierung wird aufgefordert, gemeinsam mit Ländern, Gemeinden, Kammern und betroffenen Interessenorganisationen, der Wirtschaft und kulturell interessierten Sponsoren eine bundesweit tragfähige Form zur Etablierung eines kontinuierlichen Baukultur-Dialogs zu schaffen.
  2. Die Bundesregierung wird aufgefordert, unter Einbeziehung der betroffenen Interessenorganisationen einen Baukulturreport zu beauftragen und dem Nationalrat innerhalb eines Jahres zur Beschlussfassung zuzuleiten.
  3. Dieser Bericht soll die österreichische Entwicklung im europäischen Vergleich darstellen und konkrete Maßnahmen zur Förderung der Baukultur für Bund, Länder und Gemeinden vorschlagen. Er sollte insbesondere folgende Aspekte prüfen:

    • Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen
    • Verbesserung fiskalischer Rahmenbedingungen
    • Möglichkeiten zur Verankerung des Prinzips „Baukultur“ für AuftraggeberInnen und BauträgerInnen der öffentlichen Hand
    • Verbesserung der Rahmenbedingungen für junge ArchitektInnen
    • Maßnahmen zur Stärkung ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit
    • Maßnahmen zur Stärkung des öffentlichen Bewusstseins für die Bedeutung zeitgenössischer Architektur und Baukultur
    • Maßnahmen zur Förderung der Wettbewerbskultur durch den Bund und andere Auftraggeber der öffentlichen Hand


Ende Dezember 2005 haben für das Bundeskanzleramt das Staatssekretariat für Kunst und Medien sowie das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit unter Einbeziehung der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) als Co-Financier die „ARGE Baukulturreport“, vertreten durch die Plattform für Architekturpolitik und Baukultur und die T.C. Bauträgergesellschaft mbH, auf Basis des Anbotes vom Juni 2005 mit dem ersten Österreichischen Baukulturreport beauftragt, wobei die Fertigstellung mit Ende Oktober 2006 vorgegeben wurde.

Aufgrund der sehr kurzen Bearbeitungszeit und der knappen Auftragssumme musste der Baukulturreport 2006 auf Basis bestehender statistischer Grundlagen erstellt werden. Die Beauftragung repräsentativer, bundesweiter Umfragen war
ebenso begrenzt wie die Erhebung fehlender statistischer Daten. Beispielsweise kann aufgrund der bestehenden Datenerhebung des Österreichischen Statistischen Zentralamtes – ÖSTAT keine konkrete Aussage über den Anteil bzw. das Vorhandensein einer qualifizierten Planung bei Bauinvestitionen gemacht werden. Ebenso fallen Klein- und Kleinstunternehmen sowohl bei Architektur- und Planungsunternehmen als auch beim Baugewerbe aus den Statistiken heraus, obwohl das baukulturelle Schaffen zu einem überwiegenden Anteil von solchen KMUs getragen wird. Bei Berufs- und Interessenvertretungen fehlen vielfach aussagekräftige und kontinuierliche Daten, weil deren Erhebung und Auswertung mit Hinweis auf die knapper werdenden Budgets seit Ende der 1980er Jahre zunehmend eingespart werden. Wir sehen es daher als Aufgabe des Baukulturreports, diese Lücken aufzuzeigen und regen die Budgetierung und Beauftragung entsprechender Studien und Datenerhebungen an. Nur auf Basis kontinuierlich erhobener und aussagekräftiger Daten können entsprechende Lenkungsmaßnahmen evaluiert, Tendenzen und Entwicklungen zeitnah aufgezeigt und exakte Maßnahmen eingeleitet werden. Denn eine engagierte Architekturpolitik erfordert Kontinuität in der qualifizierten und begleitenden Beobachtung des baukulturellen Schaffens.

Dessen ungeachtet ist es aufgrund des großen Engagements der beteiligten AutorInnen sowie des redaktionellen Beirates gelungen, erstmals eine breite und umfassende Darstellung baukultureller Rahmenbedingungen in Österreich abzubilden, freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Der Baukulturreport 2006 beschreibt nicht nur den Status quo, er versucht auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge in Sachen Baukultur aufzuzeigen.

Dadurch soll dem Grundproblem, nämlich der fehlenden Wahrnehmung von Baukultur als Querschnittsmaterie, insbesondere in den politischen Entscheidungsprozessen sowie in so mancher Verwaltungsebene entgegengewirkt werden. Zu diesem Zweck werden notwendige Aktivitäten auf verschiedensten Gebieten und politischen Ebenen aufgezeigt und empfohlen.
Es war uns ein wichtiges Anliegen, die Empfehlungen nicht auf individuelle ExpertInnenmeinungen, sondern auf Basis eines breiten Konsenses aufzubauen, um damit der Politik eine profunde Entscheidungsgrundlage anbieten zu können. Die dafür notwendige Breite konnte zum einen durch die Etablierung eines fachlich versierten „Redaktionellen Beirates“ sichergestellt werden, der als wichtiges Diskussions- und ExpertInnenforum zur Feinabstimmung der inhaltlichen Ausrichtung der von der ARGE Baukulturreport ausgearbeiteten Themenstellung maßgeblich tätig war. Zum anderen wurden wesentliche EntscheidungsträgerInnen baukulturrelevanter Bereiche im Rahmen von Workshops sowie in Form von Interviews oder Statements eingeladen, ihre Sicht der Dinge, quasi aus dem Blickwinkel der Praxis und als ergänzende Perspektive zu den Beiträgen der AutorInnen, in diesen Report einzubringen.

Diese Vernetzung und die durch den Baukulturreport 2006 initiierte Kommunikation zwischen den diversen „Playern“ stellt eine gute und fruchtbringende Grundlage dar, auf welcher der baukulturelle Dialog weitergeführt und ausgebaut werden kann.
Im Zentrum des Baukulturreports stand nicht die Frage, wie etwa der einen oder anderen Berufsgruppe eine bessere Auftragslage ermöglicht werden kann, sondern die Frage, welchen Nutzen die Baukultur für Wirtschaft und Gesellschaft bringt. Dabei wurden die NutzerInnen, also die Menschen in diesem Land, in den Mittelpunkt gerückt, deren Lebensqualität maßgeblich durch vorausschauend geplante Gestaltung oder eben nur passierte Umwelt geprägt wird. Nur durch die rasche Umsetzung einer konsequenten und qualitätsorientierten Architekturpolitik und die ebenso notwendige Verankerung von baukulturellem Verständnis in der Gesellschaft wird es möglich sein, auch für künftige Generationen eine hohe Lebensqualität sicherzustellen.


Um dies zu ermöglichen, zeigt der Österreichische Baukulturreport 2006 entsprechend der Entschließung des Nationalrates vom März 2005 Perspektiven auf und formuliert konkrete Empfehlungen und Maßnahmen, die sich nicht nur an die politischen EntscheidungsträgerInnen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene richten, sondern ebenso an Ausbildungsinstitutionen und Berufsvertretungen.

Abschließend empfehlen wir die periodische Fortführung des Baukulturreports im Abstand von zumindest zwei Jahren, damit auch mittel- und längerfristige Entwicklungen ablesbar gemacht werden können, um fundierte Grundlagen für etwaige (auch legistische) Lenkungsmaßnahmen zu schaffen bzw. deren Auswirkungen auch evaluieren zu können. In diesem Sinne sehen wir den Baukulturreport 2006 als ersten Schritt zu einem längerfristigen Prozess, um eine nachhaltige und in der EU beispielgebende Architekturpolitik sowie eine zukunftsträchtige und qualitätsorientierte Baukultur in Österreich zu etablieren. Wir danken allen Beteiligten, die durch ihr großes Engagement zum Gelingen dieses ersten Österreichischen Baukulturreports beigetragen haben.

Die Geschäftsführung der ARGE Baukulturreport
Dr. Hartwig Chromy
DI Volker Dienst