Strukturierte Darstellung/Erhebung der
baukulturrelevanten Kompetenzen und Dienststellen

Manfred Nehrer

Baukultur und BauherInnenverantwortung

Aus der subjektiven Sicht eines seit mehr als 30 Jahren freischaffenden Architekten

1. Vorbemerkung

Öffentliche BauherrInnen tragen selbstverständlich bei der Abwicklung ihrer Bauvorhaben eine hohe baukulturelle Verantwortung!
Diese wird von Bund, Ländern und Gemeinden nicht in Abrede gestellt, aber in sehr unterschiedlicher Weise wahrgenommen. Auch bedienen sich öffentliche BauherrInnen unterschiedlicher Qualitätssicherungsinstrumente. Die tatsächliche Einhaltung dieser zum Teil selbst auferlegten Mechanismen ist Voraussetzung für deren Wirksamkeit.
Es soll in der Folge versucht werden, die unterschiedlichen Vorgangsweisen auf ihre Auswirkung für das Ermöglichen von Baukultur darzustellen.

2. Bauvorhaben von Bund, Ländern und Gemeinden

2.1 Bauvorhaben der Republik Österreich

Bundesbauten wurden bis Anfang der 1990er Jahre über ein Bundesministerium (früher Bautenministerium, dann Wirtschaftsministerium) abgewickelt.
Bundesgebäudeverwaltungen bzw. Bundesbaudirektionen unterstützten dabei das Ministerium bei der Umsetzung in den einzelnen Bundesländern. Dieser Vorgangsweise wurde häufig sehr langsame Umsetzung durch übertriebene Bürokratie und Verzögerungen sowie Verteuerungen bei der Realisierung vorgeworfen.

In den 1970er und 1980er Jahren wurden zur Vorfinanzierung, insbesondere im Schul- und Bildungsbereich, Leasingbauvorhaben abgewickelt, bei denen oftmals durch die gesicherte Finanzierung die Bauzeit verkürzt und angemessenere Baukosten erzielt werden konnten.
Dabei wurden in der Regel die Projekte nach einem Wettbewerb bis zum Entwurf vom Bautenministerium begleitet und danach von den Landeshochbauämtern abgewickelt.

Anfang der 1990er Jahre wurde die Bundesimmobiliengesellschaft – BIG mit der Errichtung vorerst von Schul- und Universitätsbauvorhaben betraut, in der Folge wurden der BIG immer mehr öffentliche Bauaufgaben übertragen. Die BIG erwarb zwischen 2000 und 2002 sämtliche Bundesgebäude, ausgenommen militärische und historische Bauten (Gebäude der Burghauptmannschaft) sowie Gebäude des Bundesministeriums für auswärtige Angelegenheiten. Mit einem personell relativ sparsamen Apparat gelang es der BIG, diverse Bauvorhaben in angemessener Zeit und zu günstigeren Herstellungskosten, als für Bundesbauten zuvor eingesetzt wurden, zu errichten.

Dazu trugen sehr straffe Entscheidungsstrukturen bei, aber auch der Umstand, dass von den planenden ArchitektInnen seitens der BIG neben der gestalterischen Leistung vermehrt Termin- und Kostenverantwortung eingefordert wurden, was zuvor in diesem Ausmaß nicht üblich war.


Anfänglich übernahm die BIG vom Wirtschaftsministerium bereits vorbereitete Wettbewerbssiegerprojekte zur Umsetzung, führte dann aber in der Folge selbst den Architekturwettbewerb als grundsätzliches Vergabeinstrument von ArchitektInnenleistungen fort. Dabei wurden meistens Bauvorhaben realisiert, die die NutzerInnenwünsche erfüllten, den baulichen und wirtschaftlichen Belangen entsprachen und oftmalig auch einen Beitrag zur Baukultur lieferten

Diverse Schul- und Universitätsbauten geben dafür Zeugnis ab. Zahlreiche Auszeichnungen dieser Bauten und deren Bauherrin BIG unterstreichen die erreichte architektonische Qualität und dies, obwohl die BIG-Bauten, wie bereits angeführt, keinesfalls teurer, sondern meist sogar preiswerter waren als die Bundesbauten zuvor.

Der grundsätzliche Einsatz der BIG als Bauträger von Bauten für Bundeseinrichtungen ist aber auch nicht mehr unumstritten. So überlegen beispielsweise in die Selbstständigkeit entlassene Universitäten, sich auf dem freien Markt ein
Stück Universitätsneubau samt Grundstück und Betriebs- und Erhaltungskosten für z.B. 20 Jahre pauschal anbieten zu lassen. Dass bei dieser Vorgangsweise Aspekte der Architektur und somit der Baukultur nicht im erforderlichen Ausmaß berücksichtigt werden, liegt auf der Hand.

Von anderen Bundeseinrichtungen, wie z.B. der Post, waren in den letzten Jahren wenige, bei der Landesverteidigung kaum Beiträge zur Baukultur erkennbar gewesen. Hingegen hat das Außenamt bei einigen Botschaftsbauten bzw. Kulturinstituten auch beachtliche Ergebnisse erzielt. Dabei war, wie z.B. beim Kulturinstitut in New York, die BIG bei der Umsetzung behilflich.

Die Bundesbahn, die lange Jahre keine erwähnenswerten Anstrengungen machte, die als Beitrag zur Baukultur bewertet werden können, hat in den letzten Jahren im Zuge der Bahnhofsoffensive einige Ergebnisse erzielt, die architektonisch eine Trendwende andeuten. Realisierungen bzw. Projekte für Bahnhöfe in Innsbruck, Linz, Salzburg und Graz weisen eine entsprechende architektonische Qualität auf und werten damit das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel in hohem Maße auf.



2.2 Bauvorhaben der Länder

2.2.1 Land und Bundeshauptstadt Wien

Die Stadt Wien hat sich durch die vom Gemeinderat beschlossene Architekturdeklaration und den mit der Berufsvertretung der ArchitektInnen gemeinsam erarbeiteten Wettbewerbsleitfaden grundsätzlich zur Architekturqualität und zu baukultursichernden Maßnahmen bekannt.

Trotzdem wurden in den letzten Jahren im Verhältnis zum Bauvolumen nur wenige EU-weite Wettbewerbsverfahren durchgeführt. Diese Vorgangsweise findet nur bei kleineren Projekten wie z.B. Pflichtschulen oder kleineren Nutzbauten statt.
Die meisten großen oder gestalterisch besonders bedeutsamen Bauaufgaben werden nicht mehr von der Stadt Wien errichtet, sondern an Investoren bzw. Bauträger übergeben. Es werden meist nur geladene Wettbewerbe oder Gutachterverfahren durchgeführt, zu denen immer nur ein kleiner Kreis von ArchitektInnen eingeladen wird.


Vergaberechtlich möglich wird dies durch den Umstand, dass nicht die Stadt Wien selbst als Bauherrin auftritt, sondern Gesellschaften, die der Stadt Wien gehören oder an denen sie mehrheitlich beteiligt ist. Die Auswahl der teilnehmenden ArchitektInnen ist vielfach nicht transparent oder nachvollziehbar. Auf diese Weise werden Planungen für Millionenprojekte vergeben, obwohl sie mit öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Es wäre daher unerlässlich, den Wettbewerbsleitfaden und eine transparente und nachvollziehbare Vergabe bei allen mit öffentlichen Geldern unmittelbar oder mittelbar finanzierten Bauvorhaben sicherzustellen. Die Stadt Wien hat es in der Hand, die für Gemeindebauten gültigen Spielregeln auch an die in ihrem Besitz befindlichen Gesellschaften zu übertragen.
Auch städtebauliche Aufgaben werden grundsätzlich nur mit geladenen Verfahren abgewickelt. Für so wichtige Aufgaben wie z.B. das Flugfeld Aspern ist dies, wie auch das Ergebnis von 2006 zeigt, kein geeigneter Weg.

Positiv ist der Umstand, dass die Stadt Wien auch private BauherrInnen auffordert, Gutachterverfahren durchzuführen. Insbesondere dann, wenn die Flächenwidmung neu festgesetzt oder geändert werden soll. Dies kann positive Auswirkungen auf die architektonische Qualität zur Folge haben. Das ist aber nicht gesichert, da diese Verfahren meist nicht der Wettbewerbsordnung unterworfen sind und oft nicht die Qualität allein den Ausschlag gibt.
Im Wohnbau sollte der Bauträgerwettbewerb die Baukosten senken und die architektonische und funktionelle Qualität verbessern. Durch eine nahezu unveränderte Zusammensetzung der Jury über viele Jahre und Entscheidungen, die nicht nur Qualität, sondern auch die Auslastung von Bauträgern berücksichtigen, ist das angestrebte Ziel, eine Qualitätsverbesserung des sozialen Wohnbaues, zwar feststellbar, aber nicht im möglichen Ausmaß erreicht worden.

Für die Flächenwidmungsplanung bzw. die Gestaltung von für das Stadtbild bedeutenden Bauvorhaben, insbesondere aus dem privaten Bereich, fällt dem Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung eine wichtige Aufgabe zu. Dadurch soll auch bei privaten BauherrInnen ein Mindestmaß an Qualität sichergestellt werden. Eine klare Regelung, welche Bauvorhaben vom Beirat beurteilt werden oder nicht, existiert nicht.


Der Beirat ist ausschließlich mit Fachleuten aus Wien besetzt, die teilweise über viele Jahre ohne zwingende Rotation die Haltung des Beirates prägen.
Eine Öffnung für auswärtige Fachleute und eine Rotation des Vorsitzes sowie eine Beschränkung der Mitgliedschaft auf maximal zwei Perioden würde die Effizienz und Glaubwürdigkeit des Fachbeirates für Stadtplanung und Stadtgestaltung wesentlich erhöhen.
Wichtige stadtplanerische Entscheidungen wie z.B. die Linienführung der U-Bahn oder großräumige Stadtentwicklungskonzepte wurden ohne Befassung des Fachbeirates beschlossen, während dieser mit Planungen von Dachaufbauten und anderen im Verhältnis zu wesentlichen städtebaulichen Aufgaben unbedeutenden Detailprojekten befasst wurde. I
nsgesamt muss für die Planungskultur der Stadt Wien ein Defizit an Transparenz und eine unverständliche Einschränkung des beauftragten PlanerInnenpotenzials festgestellt werden.
Dies führt zwar manchmal zu scheinbar einfacheren Planungsabläufen, ist aber für die Qualität des Produktes nachteilig.
Das vorhandene Instrumentarium würde eine weit bessere Ausschöpfung der in Wien in hohem Maße vorhandenen Planungsressourcen ermöglichen. Die Praxis der Planungsabwicklung verhindert daher oft eine optimale Bauqualität. Die bestehenden und grundsätzlich ausreichenden Lenkungsmöglichkeiten werden von den Verantwortlichen selten im erforderlichen Umfang wahrgenommen.

Trotz berechtigter Kritik muss aber insgesamt festgehalten werden, dass in Wien nach wie vor zahlreiche Beiträge zur Baukultur entstehen, die auch internationale Beachtung finden. Auch ist die Bauverwaltung architekturfreundlicher als in so manchem anderen Bundesland.


2.2.2 Land Niederösterreich

In Niederösterreich war das Bauen bis zur Bauordnungsnovelle 1996 durch eine Bauordnung geprägt, die sich geradezu am regionalen Stil orientierte. Dadurch entstanden sehr viele mittelmäßige Bauwerke. Im privaten Bereich wurde das Land mit Krüppelwalmdächern übersät. Für öffentliche Bauten gab es zu wenige Wettbewerbe.
Ausgenommen waren die Bauten für die Landeshauptstadt St. Pölten und die für den Bund errichteten Bildungsgebäude, die in der Regel von der BIG betreut wurden.

Bemerkenswerte Einzelleistungen entstanden eher durch zufälliges Zusammenwirken von ambitionierten PolitikerInnen mit engagierten ArchitektInnen, wie z.B. beim Rathausbau in Waidhofen an der Ybbs.
Große Architekturaufträge wurden immer wieder mittels unzureichender Verfahren innerhalb eines viel zu kleinen, immer gleich bleibenden Kreises an PlanerInnen verteilt.
Dieser Umstand wirkte sich z.B. besonders bei großen Krankenhausplanungen negativ auf die Qualität der Architektur aus.

Ab der Bauordnungsnovelle von 1996 wurde kein regionaler Stil mehr gefordert und damit formale Freizügigkeit möglich. Zeitgemäße Architektur kann seither zumindest vom Gesetz her errichtet werden. Mit der 1996 erfolgten Änderung der Wohnbauförderungsrichtlinien wurden Bauten mit Licht, Luft, Sonne sowie energetisch sinnvolle Wohnbauten gefördert.

Damit war eine Änderung des BauherrInnenverhaltens und der in der Folge beauftragten PlanerInnen möglich; dieser setzte aber nur zögerlich ein, sollte aber bald an Qualität und Volumen zunehmen. Ein 2005 eingeführter Wohnbauförderungsbeirat wird sich ebenfalls positiv auf die Architekturqualität auswirken. Auch die Ortsbildpflege fördert neuerdings modernes Bauen.
Damit könnte insgesamt der dringend notwendige baukulturelle Aufschwung in Niederösterreich eingeleitet werden.


2.2.3 Land Salzburg

Die Altstadt Salzburg war besonders Anfang der 1980er Jahre einem massiven wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der vielfach zur Zerstörung historischer Substanz führte.
Als durch diverse Bausünden die Architektur zum politischen Thema wurde, ist erstmals die Entscheidung über Fragen der Architektur in Österreich einem international besetzten Gestaltungsbeirat übertragen und versucht worden, anerkannte Architekturqualität einzuführen.

Dies war für die Baukultur sicherlich förderlich, hat aber auch zu Kritik geführt. Insgesamt hat sich aber das System des Gestaltungsbeirats bewährt und in vielen anderen Gemeinden Nachahmung gefunden.
In der Salzburger Altstadt wurde oftmals zeitgenössische Architektur trotz vorangegangener Qualitätsverfahren durch eine allzu gestaltungskonservative Haltung verhindert.
Es wäre anzuregen, den Gestaltungsbeirat und die Altstadtkommission zusammenzulegen, um im Sinne der Qualität der Projekte eine Koordination dieser beiden Gremien herbeizuführen und unnötige Reibungsverluste zu vermeiden. Ebenso schwierig ist die Situation für Gegenwartsarchitektur im Land Salzburg. Nur vereinzelt und eher zufällig kann modernes Bauen entstehen.
Vereinzelte gute Beiträge zur Baukultur, wie die der neuen Fachhochschule nahe der Stadt Salzburg oder des Theaters in Hallein, waren eher Ausnahmen. Zwar werden für Landesbauten vielfach Wettbewerbe abgewickelt. Wohl auch durch die Zusammensetzung der Jury und die gegebenen Vorgaben wurden aber wenige zukunftsweisende Beiträge prämiert.
Ein Lichtblick könnten die bei gemeinnützigen Bauträgern des sozialen Wohnbaues üblichen Architekturwettbewerbe werden, wenn konsequent neben Funktionalität und Wirtschaftlichkeit auch architektonische Qualität und Innovation in Bauweise und Energieverbrauch eingefordert werden.

Im privaten Bereich konnten einige bemerkenswerte Bauwerke errichtet werden. Dies war aber eher bei ambitionierten Gewerbe- oder Industriebauten (z.B. Interspar) möglich als bei Wohnbauten der bezüglich Baukultur sehr konservativen Bildungselite bzw. des gehobenen Bürgertums.

Trotzdem ist es erfreulich, dass eine beachtliche Zahl junger ArchitektInnen trotz schwieriger Umstände unermüdlich moderne Lösungen vertritt und versucht, eine Qualitätsdiskussion zu führen.


2.2.4 Land Tirol

Zwischen der Hauptstadt Innsbruck und dem Land Tirol ist ein deutlicher Unterschied bezüglich der Ambition, moderne Architekturqualität zu ermöglichen, festzustellen.
In Innsbruck werden von der Bauverwaltung grundsätzlich Qualitätsverfahren abgewickelt bzw. gefördert, was zu diversen beispielhaften Beiträgen wie dem Bahnhof, dem neuen Rathaus, diversen Bildungsbauten, Krankenhausbauten, aber auch von Privaten errichteten Gebäuden geführt hat.
Bei angestrebten Änderungen des Bebauungsplanes ist in Innsbruck zwingend eine Qualitätskonkurrenz erforderlich. Hingegen ist im Bereich der Gemeinden das Verständnis für zeitgenössische Architektur nur im beschränkten Ausmaß vorhanden.

Das führt dazu, dass Gegenwartsarchitektur auch von ambitionierten ArchitektInnen für kleine Gemeinden nur sehr schwer umgesetzt werden kann.
Hingegen entstehen von privaten BauherrInnen, weit über die Landesgrenzen hinaus, bedeutende Architekturbeispiele. So hat die Supermarktkette MPreis gute Architektur zur Firmenkultur erhoben. Von einer Vielzahl von ArchitektInnen wurden diverse Filialen gestaltet, deren einziges verbindendes Element hervorragende Architektur ist. Dieses gute Beispiel wird nun auch von einer anderen Handelskette aufgegriffen.


Daraus wird erkennbar, wie einzelne Personen, welchen Baukultur ein Anliegen ist, positive und beispielhafte Auswirkungen beeinflussen können.
Auch Seilbahn- und Wintersportbetriebe beginnen vereinzelt mit guter Architektur zu werben.

Im Stadt- und Ortsbildschutzgesetz wurde neuerdings erstmals die Möglichkeit des Einsatzes von Gestaltungsbeiräten verankert. Dadurch kann eine qualitätvolle Beratung der BürgermeisterInnen als Baubehörde erwartet werden.

Seitens des Landes können Baumaßnahmen der Gemeinden durch Bedarfszuwendungen unterstützt werden. Diese sollten jedoch an entsprechende Qualität der geplanten Bauvorhaben gebunden werden.
Auch Gewerbe- und Industriegebiete sollten von Architekturqualität nicht ausgenommen sein. Beim Gewerbegebiet der Gemeinden Aldrans und Fistranz wurde ein die Gemeindegrenzen überschreitendes gemeinsames Bebauungskonzept festgelegt. Innerhalb dieser Ordnung werden von den Betrieben niveauvolle Objekte errichtet. Ein im Industriebau erstmals durchgeführtes bemerkenswertes Beispiel, das Vorbildcharakter haben sollte.

Beim sozialen Wohnbau und besonders bei den zahlreichen Bauvorhaben für den Fremdenverkehr wird leider nach wie vor das in Tirol in hohem Ausmaß vorhandene Potenzial an guten ArchitektInnen zu wenig ausgeschöpft.

Insgesamt hat jedoch das Architekturverständnis in Tirol in den letzten Jahren an Qualität und Volumen zugenommen und bereits zu beachtlichen Ergebnissen geführt.

2.2.5 Land Vorarlberg

Vorarlberg ist ein Bundesland, das bedingt durch seine geographische Randlage eine vom übrigen Österreich differenzierte baukulturelle Entwicklung genommen hat. Eine ursprünglich mitmateriellen Mitteln nicht so reich gesegnete Bevölkerung war gewohnt, eigenverantwortlich und sparsamst mit den zum Bauen zur Verfügung stehenden Geldern umzugehen.

Daher wurde auf sorgfältige Planung und angemessene Bauweisen besonderer Wert gelegt. Neben der Neuordnung der in Vorarlberg vorhandenen und bestens gepflegten historischen Bausubstanz (z.B. Bauernhäuser im Bregenzerwald) konnten junge, dynamische ArchitektInnen, in Verbindung mit entsprechend informierten und kulturinteressierten BauherrInnen, moderne Wohnbauten schaffen, die sich nicht nur durch hohe architektonische Qualität auszeichneten, sondern auch bezüglich Technologie und Energieverbrauch weit über Vorarlberg hinaus richtungsweisend waren.
Dieses Qualitätsbewusstsein war auch bei Landes- und Gemeindebauten erkennbar.
Baukünstlerische, zumindest landesoffene Wettbewerbe waren im Landeshochbau selbstverständlich. Vielfach konnten sich auch ArchitektInnen aus Deutschland und der Schweiz neben allen österreichischen ArchitektInnen an Qualitätskonkurrenzen beteiligen. Viele Gemeinden lassen sich bei der Beurteilung von Architekturqualität durch qualifizierte Einzelpersonen oder Beiräte unterstützen. Verstärkt durch eine starke Öffentlichkeitsarbeit, die die vielen gelungenen Bauvorhaben im Land publik machte, ist in Vorarlberg ein allgemeines Bewusstsein für Architekturqualität und innovatives Bauen vorhanden wie kaum in einem anderen Bundesland.
Durch das vorhandene Demokratieverständnis wird für öffentliche Bauvorhaben größte Transparenz und Objektivität angestrebt. Aber auch privates Handeln wird selbstverständlich gegenüber der Allgemeinheit verantwortet. Auf Gemeindeebene ist Lustenau beispielhaft zu nennen. Sämtliche öffentliche Bauten wurden aufgrund von Qualitätskonkurrenzen errichtet, aber auch für private BauherrInnen ist gute Architektur ein selbstverständliches Ziel. So wurde beispielsweise für den Millenniumpark seitens der Gemeinde ein ausgezeichnetes städtebauliches Gesamtkonzept geplant. Innerhalb desselben haben diverse private Gewerbebetriebe mit guten ArchitektInnen einen beachtlichen Gewerbepark entstehen lassen.

Insgesamt sind in Vorarlberg Bemühungen für Baukultur auf allen Ebenen, vom Land über die Gemeinden bis hin zu privaten BauherrInnen, ausgeprägt, wie dies in keinem anderen Bundesland Österreichs der Fall ist.


2.2.6 Land Steiermark

Die Steiermark hat in den letzten Jahren im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl einen überdurchschnittlichen Beitrag zur Baukultur Österreichs beigesteuert. Bedeutende steirische ArchitektInnen haben Bauten in der Steiermark weit über die Grenzen Österreichs bekannt gemacht und auch ins Ausland steirische Planungsqualität exportiert. Die an der Technischen Universität Graz entstandene „Grazer Schule der Architektur“ wurde in selbstbewussten Architekturausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt. Die öffentliche Hand war mit vielen sehr ambitionierten Bauvorhaben beispielgebend.
Von oberster politischer Ebene wurden qualitätvolle ArchitektInnen gefördert. Bemerkenswert war das „Modell Steiermark“ im Wohnbau. Dabei wurden bis zu 10% des Wohnbaues experimentellen Forschungsvorhaben gewidmet. Eine große Anzahl von Wettbewerbsverfahren führte zu vielen bemerkenswerten Wohnprojekten, aber auch zu einigen Fehlentwicklungen. Dadurch gelang es den Gegnern dieser damals neuen Wege im sozialen Wohnbau, diese wieder in die alt eingesessenen Bahnen zurückzuführen.
Da das Modell Steiermark nur von wenigen Personen getragen wurde, aber über keine gesetzliche Grundlage verfügte, wurde es bei geänderten politischen Verhältnissen beendet.
Übrig geblieben ist aber doch eine beachtliche Anzahl von innovativen Wohnbauten. Der Bedarf an Schul- und Universitätsbauten ist in der Steiermark großteils befriedigt. Ein großes Bauvolumen steht im Bereich des Spitalwesens an. Hier wurde bewiesen, dass auch ausgegliederte Landesgesellschaften wie die für Krankenanstalten zuständige KAGES durchaus der kulturellen Verantwortung öffentlicher Bauten gerecht werden können. Architektonisch bemerkenswerte Krankenhausbauten wie z.B. Hartberg, Leoben, Knittelfeld und Graz bewiesen dies eindrucksvoll.
Dass diese Bauvorhaben auch durchaus wirtschaftlich abgewickelt werden konnten, beweist, dass gute Architektur und die notwendige Ökonomie kein Gegensatz sein müssen.
Auch die Stadt Graz ist mit den Bauten im Rahmen der Kulturhauptstadt 2003 ihrer kulturellen Vorbildfunktion gerecht geworden. Mit dem Literaturhaus,
dem Kindermuseum, der Stadthalle und dem Kunsthaus entstanden Bauwerke von nachhaltiger Architekturqualität.
Künftig werden auch in der Steiermark immer mehr öffentliche Bauvorhaben von ausgegliederten Gesellschaften abgewickelt werden.
Für eine Vielzahl von steigenden Bedürfnissen bei zunehmenden gesetzlichen Bestimmungen stehen immer geringer werdende finanzielle Mittel zur Verfügung. Marktkonforme Mieten auch für öffentliche NutzerInnen zwingen zu immer wirtschaftlicheren und sparsameren Bauvorhaben.
Die Schaffung öffentlicher Bauwerke darf aber trotz der gebotenen Sparsamkeit nicht ausschließlich gewinnorientierten ImmobilienentwicklerInnen überlassen werden! Hier ist die öffentliche Hand verpflichtet, gesamtheitliche und nachhaltige Qualität anzustreben und nicht ausschließlich dem Billigstbieterprinzip zu huldigen.
Das Land Steiermark hat mit dem Grundsatzbeschluss des Landtages vom 12. Juli 2004 „Architekturpolitik und Baukultur in der Steiermark“ ein Bekenntnis zur Baukultur als Auftrag für öffentliches Bauen abgelegt. Da aber fast sämtliche Bauagenden des Landes ausgegliederten Gesellschaften übertragen sind, wird es davon abhängen, wie weit sich diese an die Landtagsbeschlüsse halten.

Bemerkenswert ist, dass z.B. in Graz die Einführung eines Gestaltungsbeirates seitens der ArchitektInnen als qualitätssicherndes Instrument gefordert wurde (obwohl dies oft auch für ArchitektInnen durch geforderte Überarbeitungen ein Mehr an Arbeit bedeutet), aber von der Bauwirtschaft abgelehnt wurde, weil dadurch angeblich die Baugenehmigungsverfahren verzögert werden. Diesem Argument muss durch rigoroses Vereinfachen der Baugenehmigungsverfahren begegnet werden.


2.2.7 Land Burgenland

Im Burgenland entstanden vereinzelte Beiträge zur Baukultur eher zufällig als durch gezielte Architekturförderung öffentlicher Stellen.
Eine wirkliche Qualitätskonkurrenz zwischen den planenden ArchitektInnen fand nur in ungenügendem Ausmaß statt. Die Planung der Landesbauten wurde in der Regel innerhalb einer kleinen, gleich bleibenden Gruppe von ArchitektInnen vergeben. Dementsprechend rar sind die beispielhaften Architekturbeiträge. Auch im geförderten Wohnbau entstanden wenige innovative Beispiele. Positive Bemühungen sind in jüngster Vergangenheit bei einigen Gemeinden erkennbar, wo, bedingt durch das Qualitätsverständnis einzelner BürgermeisterInnen oder Abgeordneter, beachtliche Platzgestaltungen bzw. kleine kommunale Bauten wie z.B. Feuerwehren entstanden.
Bemerkenswert ist der Umstand, dass im Burgenland die meisten Architekturbeiträge der letzten Jahre von privaten BauherrInnen errichtet wurden. Davon legen zahlreiche kleinere Bauaufgaben, etwa für das Weinbaugewerbe oder den Fremdenverkehr, Zeugnis ab.
Die Bauten der öffentlichen Hand und der geförderte Wohnbau können diesen, auch aus wirtschaftlichem Kalkül erzeugten Architekturbeiträgen von Privaten kaum folgen.


2.2.8 Land Oberösterreich

Oberösterreich ist ein Bundesland, wo im Landesbereich die kulturelle Verantwortung der BauherrInnen nur teilweise wahrgenommen wird. Anders ist dies in vielen Städten. Das wird auch dadurch verdeutlicht, dass sich wie in keinem anderen österreichischen Bundesland zahlreiche Städte durch Gestaltungsbeiräte, die mit externen Fachleuten besetzt sind, bei der Beurteilung von Architektur unterstützen lassen. Dies wirkt sich zwangsläufig positiv auf die Baukultur aus.
Dies ist in Linz, Wels, Steyr, Vöcklabruck, Gmunden und Altmünster, wo Gestaltungsbeiräte tätig sind, erkennbar.

Leider wird in Oberösterreich auch öfter das Ergebnis von Wettbewerben nicht umgesetzt. Hier muss die Umsetzung von Wettbewerbsergebnissen unbedingt sichergestellt werden.
Das Land Oberösterreich knüpft neuerdings die Vergabe von Förderungsmitteln für Wohnbauvorhaben ab einer Größe von 25 Wohnungen an die Beurteilung der Projekte durch einen jährlich wechselnden Wohnbauförderungsbeirat.


Dadurch wird die Qualität der geförderten Wohnbauten eindeutig angehoben. Die Stadt Linz bemüht sich, bei größeren städtischen Bauvorhaben grundsätzlich öffentliche Wettbewerbe zur Planungsvergabe durchzuführen. Dabei konnte vielfach beachtliche Qualität, wie z.B. beim Design Center, dem Lentos Museum oder der Solar City und dem Gebäude der Ars Electronica, erreicht werden. Ebenso wurden auch für viele große Wohnbauvorhaben Wettbewerbe abgewickelt. Leider wurde aber auch öfter versucht, von politischer Seite auf Ergebnisse von Wettbewerben einzuwirken.

Das Land Oberösterreich hat auch für einige wichtige Bauvorhaben den Wettbewerb als Vergabeinstrument gewählt. Die Einhaltung dieses Grundsatzes wurde aber z.B. im Krankenhausbau nicht immer konsequent verfolgt, wie auch nur teilweise für Amtsgebäude.
Für Bauaufgaben, die zwar der Öffentlichkeit dienen, aber von BauherrInnen errichtet werden, die privatwirtschaftlich organisiert sind, werden oft die Vergabespielregeln, wie sie für Landesbauten oder Bauvorhaben der Stadt Linz gelten, umgangen. Besonders durch Banken, die die Finanzierung übernehmen, wird oft versucht, die entsprechende Transparenz und Ideenvielfalt bei der Planung durch den Einsatz bewährter HausarchitektInnen (ist oft gleichzusetzen mit mittelmäßigen, wenig innovativen Projekten) zu umgehen.
Dabei haben gerade in jüngster Vergangenheit durch den Linzer Gestaltungsbeirat erzwungene Wettbewerbsverfahren wie z.B. für die Energie AG und einen Büroturm neben dem Hauptbahnhof bewiesen, dass Qualitätsverfahren wesentlich bessere Projekte erbrachten als die davor eingereichten Planungen aufgrund von Direktaufträgen.
Unverständlich ist es, wenn für große öffentliche Einrichtungen wie z.B. die Finanzbehörde durch Bauträger geplant wird, die nicht an die Vergaberichtlinien der öffentlichen Hand gebunden sind, obwohl spätere NutzerInnen ihre Miete mit öffentlichen Geldern bezahlen.
Zur Sicherung von optimalen Planungs- und Bauabwicklungen und somit auch im Interesse von Baukultur müssen daher sämtliche Bauvorhaben, ob unmittelbar oder mittelbar mit öffentlichen Mitteln finanziert oder von öffentlichen Institutionen gemietet, transparenten und objektiven Vergabeverfahren mit Qualitätskonkurrenz unterworfen sein.


2.2.9 Land Kärnten

Die Planung von Landesbauten wurde in den letzten Jahren grundsätzlich über EU-weite Verfahren vergeben. Auch für Bauten des Bundes wurden meist Qualitätskonkurrenzen abgewickelt. Ebenso ist die Gestaltung der Landesausstellungen durch Wettbewerbsverfahren ermittelt worden.

Insgesamt ist aber das Volumen der Bauaufgaben des Landes und der Landeshauptstadt stark zurückgegangen.
Als größeres Landesbauvorhaben wird zurzeit das neue Verwaltungszentrum abgewickelt. Dieses durchaus qualitätvolle Projekt wurde zu Recht aufgrund eines EU-Wettbewerbes an ein ArchitektInnenbüro aus Deutschland vergeben, was zur Hebung des Architekturniveaus in Kärnten durchaus beiträgt.
Die größten Bauaufgaben in Kärnten sind dem Krankenhausbau gewidmet. Über Wettbewerbe sind architektonisch beachtliche Projekte für das Landeskrankenhaus in Klagenfurt, für das Krankenhaus in Wolfsberg und für die Gailtalklinik vergeben worden. Lediglich für das Krankenhaus in Villach wurde diese transparente und qualitätsbewusste Vorgangsweise nicht gewählt.
Die Bauagenden des Landes werden über die Landesimmobiliengesellschaft abgewickelt. Diese berät auch Gemeinden bei anstehenden Bauabsichten. Dadurch könnte sich das Architekturbewusstsein kleinerer Gemeinden, die bisher wenige Beiträge zur Baukultur liefern, langfristig verbessern.
Im Bereich des sozialen Wohnbaus sind wenig innovative Beispiele erkennbar. Auch werden für Wohnbauvorhaben kaum Wettbewerbe abgewickelt. Vereinzelt werden durch private BauherrInnen architektonisch ambitionierte Wohnbauten errichtet. Daraus ist aber noch keine breite Vorbildwirkung abzuleiten.
Die Ortsbildschutzkommission des Landes kann von Gemeinden aber auch von BauherrInnen angerufen werden. Sie besteht meist aus Landesbeamten und wird nur in Einzelfällen durch freischaffende ArchitektInnen ergänzt.

Die Stadt Villach verfügt über einen Gestaltungsbeirat, der von heimischen ArchitektInnen gebildet wird. Hier würde die Zuladung externer Fachleute Autorität und damit ein Mehr an Qualität erbringen.


Insgesamt muss auch in Kärnten ein beträchtliches Gefälle zwischen den Landesbauvorhaben und den Bauten der Gemeinden festgestellt werden.

3. Schlussfolgerung

In Österreich entsteht im Vergleich zu den meisten anderen Staaten ein sehr hohes Maß an hervorragender Architektur. Dies wird durch ein überdurchschnittlich großes Potenzial an guten ArchitektInnen geschaffen, oft aber unter sehr schweren Bedingungen.

Um künftig Baukultur bei allen Baumaßnahmen in Österreich zum grundsätzlichen Ziel zu erheben, ist es notwendig, dass die öffentliche Hand, insbesondere die Republik Österreich, eine Vorbildfunktion ausübt.